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22.09.2026

Interview mit Anja Hilling 2

Bei Schnitzler sind die Figuren nach gesellschaftlichen Rollen benannt – z.B. die Dirne, der Soldat, das Stubenmädchen, der Ehegatte, der Dichter und der Graf. Du hast die Figuren zusätzlich mit Namen und biografischen Details ausgestattet. In wie weit stehen sie für dich noch für typische gesellschaftliche Positionen? Oder greift dieses Schema heute gar nicht mehr?

Unausweichlich, hier, in unserer Gegenwart, finde ich die soziale Frage. Es ist so angenehm wie langweilig, sich nur in der eigenen Klasse zu begegnen. Schnitzlers Figuren vermessen die Gesellschaft von oben nach unten, und ich habe den »Reigen» immer so gelesen, dass Erotik als Instrument von Macht und Entmachtung funktioniert. «Reigen. Variationen» setzt das «Mittel« der Erotik nicht ein, um die Figuren in sexuelle Situationen zu bringen (die Gedankenstrich-Nummer), sondern um jede Form von Zugehörigkeit zu hinterfragen. 

Was das Typische, das Individuelle angeht … bei den Figuren in »Reigen. Variationen« haben mich beide Seiten interessiert. Auf der einen Seite das Offensichtliche, das Bild, das sie verkörpern, verteidigen, der Beruf, den sie ausüben, die Schicht, die sie vertreten, die Kleidung dazu, die Gesichter, die Sprache, der Humor. Auf der anderen Seite das, was sie speziell macht, unergründlich, unvorhersehbar, die Dunkelheiten ihrer Psyche, ihres Körpers, seiner Spontaneität, die Möglichkeit, völlig anders zu reagieren, als sie erwarten, gewohnt sind, wo sie Worte aus dem eigenen Mund hören, die ihnen neu sind, sie entrücken können von sich selbst. 

Ich glaube, dass es gefährlich ist und schön, diese beiden Seiten in uns kollidieren zu lassen. Und dass die Kollision die Begegnung mit einem anderen Menschen braucht.