Eine monströse Geschichte
Ein Gespräch mit Autorin Lea Ruckpaul und Regisseurin Nora Schlocker

Almut Wagner: Lea, es gibt kaum einen monströseren Roman als »Lolita« von Vladimir Nabokov. Du befragst ihn aus unserer Zeit neu, indem du ihn einem Perspektivwechsel unterziehst. Warum hast du dich diesem »Lolita«-Stoff ausgesetzt?
Lea Ruckpaul: Das Instrument des Perspektivwechsels hat mit meinem Schauspielerinnendasein zu tun. In meiner Arbeit beschäftige ich mich ständig mit männlich dominierten, oftmals sehr alten, Stoffen. Ich versuche dabei, die Frauen-Perspektive zu verteidigen, damit ich eine Figur spielen kann, die mir von jungen Frauen im Publikum geglaubt wird. Außerdem war ich mit dem Begriff »Lolita« in meiner Jugend immer wieder konfrontiert.
Nora Schlocker: Ich auch. Das verbindet uns.
Lea Ruckpaul: Mir wurde gesagt, ich solle mich nicht wie eine Lolita benehmen. Damals wusste ich nicht, was das heißt. Auch nicht, nachdem ich als Teenagerin versucht habe, den Roman von Nabokov zu lesen. Erst viel später habe ich verstanden, was mit dieser »Lolita«-Zuschreibung gemeint ist: dass sie meinen Körper zähmt und einschränkt, dass es vieles gibt, was ich nicht darf, damit ich nicht wirke wie diese Lolita. Darüber hinaus hat der Stoff einfach mit Themen zu tun, mit denen ich mich als Frau ohnehin ständig beschäftigen muss.
Nora Schlocker: Als Jugendliche habe ich diese Zuschreibung auch erlebt, aber als Kompliment von Männern: »Ach, du bist ja eine kleine Lolita.« Mich hat das damals irritiert. Über meinen couragierten Deutschlehrer habe ich dann früh Nabokov gelesen. Mich hat die Sprache fasziniert, gleichzeitig fühlte ich mich abgestoßen von diesem Werk. Doch das lag vor allem an den Verfilmungen. Für mich ist die Rezeptionsgeschichte von »Lolita« ein riesiges Missverständnis. Der Begriff »Lolita« wurde sowohl in der Popkultur wie auch im Sprachgebrauch als sexueller Befreiungsschlag eines provozierenden, frühpubertierenden Mädchens abgespeichert. Und als Liebesgeschichte und nicht als Pädophilie. In den Verfilmungen war Lolita deutlich älter als im Roman, wirkte zumindest bei der Stanley-Kubrick-Verfilmung wie eine Frau. Ab wann ist ein Mädchen eine Frau? Und der Mythos des »sie hat ihn provoziert« ist ja erstaunlicherweise bis heute gang und gäbe. In Vergewaltigungsprozessen begegnet man nach wie vor dem Vorwurf, die Opfer hätten die meist männlichen Täter provoziert. Dass diese Verlagerung der Schuld immer noch so fest in unserer Gesellschaft verankert ist, finde ich skandalös.
Ich mag nicht länger schweigen, weil dann immer nur die eine Wahrheit in der Welt ist. Die Wahrheit derer, die sich sicher sind, dass sie Recht haben.
Diese Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln zu bannen ist die eine Sache, sie auf die Bühne zu bringen, sie verkörpern zu lassen und zu bebildern, eine andere. Welche grundsätzlichen Fragen habt ihr euch für die Bühnenfassung gestellt?
Nora Schlocker: Lea und ich haben uns über diese Zusammenarbeit schon sehr früh verständigt und gemeinsam überlegt, wie eine Fassung und auch eine Inszenierung aussehen könnte. Von Anfang an war klar, dass wir den Kosmos »Lolita« mit einem weiblichen Ensemble erzählen wollen. Wie auch im Roman gehen wir von der erwachsenen Dolores Haze aus, der Überlebenden – und ihrer Erinnerung. Diese Klammer bietet mir als Regisseurin eine gute Möglichkeit, die Vorgänge zu verfremden bzw. zu verwandeln. Bei uns erinnert sich die Erwachsene – und die Erinnerung lässt die Bilder auferstehen. Dabei wird die Erinnernde auch Teil der Szene, wird in ihre Geschichte zurückkatapultiert. Und da alles, was sie erlebt hat, in ihr eingeschrieben ist, spielt sie auch Humbert Humbert, ihren Vergewaltiger. Auch er ist Teil ihres Körpers geworden. Die Figur der Dolores ist und war lange Zeit immer allein und auf sich gestellt. Das ist auch bei Nabokov so. Wir haben ihr vier andere »Ichs« an die Seite gestellt (man denkt vielleicht an Dissoziation – auch nicht unüblich bei Traumata). Diese anderen »Ichs« gehen mit ihr auf die Reise in die Vergangenheit. Erst am Ende bleibt sie allein – vielleicht weil sie einen Schritt weiter ist, die anderen abgespalteten Stimmen ihrer selbst nicht mehr braucht.
Lea Ruckpaul: Für die Bühnenfassung habe ich versucht, durch Noras Augen auf meinen Roman zu schauen. Ich habe auch ganz neue Szenen geschrieben. Dann gab es eine Phase, in der wir miteinander am Text gearbeitet haben, was durchaus herausfordernd war. Den eigenen Text zu bearbeiten, ist auch eine »Operation am offenen Herzen«. Ich versuche, immer alles, was ich schreibe oder bin, dem Theater zur Verfügung zu stellen. Und auch Nora hat mir ja ihren Blick auf den Roman zur Verfügung gestellt. Bei der Konzeptionsprobe, bei der ich zum ersten Mal meinen Text mit den Stimmen der Kolleginnen gehört habe, ist mir bewusst geworden, welch krasses Potenzial das für den Inhalt birgt. Die Verkörperung des Textes durch die Spielerinnen unterschiedlichen Alters macht noch einmal ein anderes Diskurs- und Konfliktfeld auf.
Mir ist aufgefallen, dass die Figur der Mutter in der Theaterfassung zentraler als im Roman geworden ist.
Lea Ruckpaul: Die Mutter war für mich beim Schreiben auch schon zentral, sie verschwindet nur leider sehr schnell, wenn man dem Erzählstrang von Nabokovs Roman folgt. Das Großartige am Theater ist, dass man auch eine Tote einfach nochmal auftauchen lassen kann.
Nora Schlocker: Und bei den Proben wird sie noch einmal zentraler. Ich glaube, dass die Sehnsucht nach der Mutter die entscheidende Triebfeder ist. In Leas Roman gibt es den wunderschönen Satz: »Ich habe sie eigentlich schon immer vermisst, auch als sie noch gelebt hat.«
Lea Ruckpaul: Mir war auch wichtig, dass im Roman das Letzte, mit dem sich Dolores auseinandersetzt, nicht die Person Humbert Humbert ist, sondern ihre Mutter.
Es entstand ja auch sehr früh die Idee, mit einem Chor von Mädchen zu arbeiten. Sie sind im Alter von neun bis vierzehn Jahren, spielen aber zu keiner Zeit Lolita und sind nicht in die Erzählung des Missbrauchs eingebunden. Welche Funktion nehmen diese Mädchen in der Inszenierung ein?
Nora Schlocker: Lea hat irgendwann gesagt: »Ich höre einen Mädchenchor.«
Lea Ruckpaul: Der sollte wie ein Fischschwarm Humbert Humbert darstellen... doch das hat sich schnell in eine ganz andere Richtung entwickelt.
Nora Schlocker: Ich habe schon oft mit Kindern und Jugendlichen auf der Bühne gearbeitet, finde das immer sehr besonders und gerade für »Bye Bye Lolita« wichtig. Denn das reale Alter dieser Mädchen, das deckungsgleich mit dem Alter unserer Hauptfigur ist, schlägt uns mit voller Wucht entgegen und macht die Monstrosität der Geschichte sichtbarer. Wenn auf der Bühne eine erwachsene Frau ein Kind spielt, kann man das Ausmaß der Gewalt einfacher zur Seite schieben. Wenn Humbert Humbert sagt, dass die wahren Reize von Mädchen nur in einem Alter zwischen neun und dreizehn Jahren bestehen, und das Publikum die Anwesenheit von diesen Kindern leibhaftig erlebt, fragt es sich vielleicht: Wie konnte Lolita zu irgendeinem Zeitpunkt ernsthaft als Verführerin gelesen werden? Dieser Mädchenchor spielt jedoch nie Dolores und tritt ausschließlich als Gruppe auf. Wir reden auf den Proben mit den Beteiligten Klartext über Nabokovs und Leas Roman, möchten sie aber vor allem befragen, wie es ihnen damit geht und was sie in ihrem Alltag erleben. Und ja: Es passieren ihnen Zuschreibungen, Sexualisierungen, Blicke, Übergriffe. Unsere Inszenierung richtet sich dezidiert an ein erwachsenes Publikum. Nicht an Kinder. Wir alle sind in der Verantwortung, diese Gesellschaft so zu verändern, dass Mädchen nicht bedrängt werden. Ich habe selber zwei Töchter in dem Alter, also neun und dreizehn Jahre, und ich bin selbst damit konfrontiert, dass ich ihre Freiheiten verkleinere, um sie zu schützen. Aber das ist natürlich nicht die Welt, die ich mir für sie wünsche.
Zusätzlich entstehen durch diese Proben mit den Mädchen persönliche Texte von heute für die Inszenierung.
Nora Schlocker: Ja. Die Texte, die die Mädchen auf der Bühne sagen, generieren sie selber. Lea als Autorin hilft, diese zu sortieren. Diese Szenen stehen außerhalb der Romanhandlung und sind ein Gegenpol zu dem, was an Lolitas Geschichte so unfassbar tragisch, traurig, krass und schockierend ist. Und sie sollen auch zeigen, wie toll es ist, ein zwölfjähriges Mädchen zu sein. Eigentlich.
Lea Ruckpaul: Sie werden nicht als Trägerinnen eines Problems oder als Opfer gezeigt, sondern vor allem als Repräsentantinnen der Zukunft. Und natürlich wird jede Probe auch professionell theaterpädagogisch begleitet.
Ich würde gern noch einmal auf das Motiv der Erinnerung zurückkommen. Schon Nabokov hat ja die Form eines fiktiven Memoirs eines mittelalten Mannes gewählt. Und Leas Roman ist das fiktive Memoir einer erwachsenen Frau. Erinnerung ist ja ein komplexer Prozess. Wenn man sich mehrmals an eine Geschichte erinnert, verändert sich diese Erinnerung.
Lea Ruckpaul: Ich glaube, Erinnern bedeutet, aktiv sein eigenes Leben umzuschreiben. Gerade bei der Lolita-Figur geht es gar nicht um das Finden einer Wahrheit, sondern darum, zu erkennen, dass die Vergangenheit nicht ihr allein gehört. Es geht ihr darum, die Macht über ein bestimmtes Narrativ zurückzugewinnen. Das ist die eine Sache. Die andere Sache hat nicht nur mit Erinnerung zu tun, sondern mit Traumatisierung. Die 38-jährige Dolores gerät in ihrem Alltagsleben in Situationen, die sie so sehr triggern, dass sie quasi in ihre Vergangenheit zurückkatapultiert und gezwungen wird, sich zu erinnern. Ich habe viel dazu recherchiert. In der Traumabewältigung gibt es verschiedene Schritte. Der erste Schritt ist: Jemand hat Empathie mit dir und hört dir zu. Der zweite, du erzählst deine eigene Geschichte auf deine Weise. Und dieses Geschichtenerzählen und das Zuhören – das ist Theater, das ist Tradieren. Das ist unser Job. Seit der Antike. Darin liegt etwas ganz Schönes. Und etwas ganz Verbundenes mit dem Menschsein. Unser Job hat mit Vergangenheit zu tun und immer mit dem Jetzt. Wir sind nicht irgendwas mit Zukunft, wir sind Jetzt plus Vergangenheit. Finde ich auch irgendwie schön.
Nora Schlocker: Lea hat in ihrem Roman den tollen Kniff erfunden, dass dieser Taschenkalender, in den Humbert Humbert die Geschichte aus seiner Perspektive geschrieben hat, jetzt in ihrem Besitz ist, und dass sie diesen umdreht und auf den leeren Seiten ihre Geschichte notiert. Die zwei Perspektiven bewegen sich also aufeinander zu. Das ist die Klammer für die Erzählung, und der Kalender spielt bei uns auf der Bühne auch eine große Rolle. Lolita erinnert sich, schreibt ihre Perspektive nieder, liest Humbert Humberts Worte, stellt diese zwei Varianten neben- und gegeneinander.
Unsere Erinnerungen haben eine so winzige Schnittmenge.
Wir haben während der Proben auch andere Texte gelesen, z. B. »Trauriger Tiger« von Neige Sinno, das Buch von Gisèle Pelicot, haben über Filme wie »The Chronology of Water« und über Künstlerinnen wie Tracey Emin gesprochen. Versteht ihr »Bye Bye Lolita« auch als Teil einer ganzen Bewegung der Aufarbeitung männlicher Gewalt an Frauen?
Nora Schlocker: Ich habe den Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft durchaus verändert. Im Juli hat der Bundesrat die »Ja heißt Ja«-Regelung beantragt, in Frankreich gibt es eine große Debatte über Kinderpornografie, in Spanien ist schon viel mehr passiert.
Lea Ruckpaul: Ich glaube, dass viele Frauen Vorarbeit geleistet haben in diesem Feld. Und das ist extrem wichtig. Die winzige Arbeit, die ich da mache, sehe ich auch als Arbeit für die Zukunft. Also ich habe das Gefühl, dass das schon irgendwie eine Bewegung ist, an der man gemeinsam arbeitet – auch für die Mädchen, die bei uns auf der Bühne stehen.
Bei unserer gemeinsamen Inszenierung »Prima Facie» von Suzie Miller, bei der es auch um Gewalt an Frauen geht, habe ich das Gefühl, dass Leute kommen, die sonst nicht so oft ins Theater gehen und dieser Abend Teil eines weltweiten Aufbruchs ist.
Lea Ruckpaul: Immer, wenn ich vor einer Vorstellung von »Prima Facie« nervös bin, denke ich an die anderen Frauen, die dieses Stück auf der ganzen Welt spielen. Das beruhigt mich, weil ich dann das Gefühl habe, dass es bei dem Abend nicht um mich geht oder um die Inszenierung, sondern darum, dass ich gerade gesellschaftliche Arbeit mache – gemeinsam mit vielen anderen. Und das ist befriedigend.
Nora Schlocker: Etwas Ähnliches passiert gerade auf den Proben von »Bye Bye Lolita«. Wir lesen ein autobiografisches Buch nach dem anderen, und das ist natürlich keine leichte und erfreuliche, aber dafür eine sinnstiftende Arbeit. Weil wir das Gefühl haben, dass das Arbeit an Gesellschaft ist, für eine andere Zukunft – auch für meine Töchter, um es pathetisch zu sagen. Ich weiß genau, warum ich jeden Tag zur Probe gehe.



