Ich will dieses Leben. In geil!

Die vielfach ausgezeichnete Theaterautorin Caren Jeß interessiert sich in ihren Stücken konsequent für das Leben von Frauen. Dabei beschränkt sie sich nicht darauf, den Status quo einer Welt abzubilden, in der Frauen immer noch dem Druck einer patriarchal geprägten Gesellschaft ausgesetzt sind. Ihr geht es darum, zu zeigen, dass ein Wandel grundsätzlich möglich ist – und schon längst begonnen hat.
In ihrem Monolog «Die Katze Eleonore», für den sie 2023 in Mülheim den Preis für das beste Stück der Saison erhielt, beschreibt sie die Verwandlung einer Immobilienmaklerin in eine Katze. In ihrem neuesten Stück stellt sie uns mit Sara Sams und Ann Kudann zwei Protagonistinnen in ihren Vierzigern vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sara tritt einmal im Monat im «Heartship» auf – einer Kneipe mit Bühne, von der aus sie sich ihre Wut von der Seele redet: ihre Wut über ein System, in dem Frauen immer noch systematisch benachteiligt werden. Ihre Anklage ist direkt und provokant, ihre Performance laut und entwaffnend. Ann dagegen ist eine zurückhaltende, analytische Frau, die sich trotz aller Faszination für Sara nicht überwinden kann, diese anzusprechen. Doch das Glück – oder vielleicht das Schicksal – hilft nach: Sara und Ann begegnen sich.

Über ein Jahr hinweg verfolgen wir die Entwicklung ihrer sehr besonderen Verbindung, für die Sara und Ann im gängigen Vokabular nicht den richtigen Begriff finden: Weder ist es eine Liebesbeziehung, noch eine Situationship, eine Partnerschaft und auf keinen Fall nur eine Freundschaft. Wie könnte man diese Art von Nähe, die sich keiner dieser Kategorien zuordnen lässt, nennen? Für die es (noch) keine Sprache gibt? Vielleicht: Heartship?
Eine Definition bleibt uns die Autorin dabei schuldig: Ist «Heartship» eine Metapher, eine Lebenseinstellung, ein Zustand? Die von Caren Jeß erschaffene Vokabel öffnet einen spielerischen Raum für Gedanken und Assoziationen, in dem aktiv nach einer neuen Art von Liebe gesucht werden kann – und sagt der klassischen Vorstellung von romantischer Liebe den Kampf an.

Caren Jeß sagt, dass ihr im Prozess des Schreibens Sara und Ann zu engen Freundinnen geworden seien. Mit jeder Szene ergänzt sie ihre Biografien wie Mosaiksteinchen und spart dabei die großen und existenziellen Themen wie Krankheit, die Erfahrung sexueller Übergriffe und Einsamkeit nicht aus. Im Gegenteil – sie nimmt sie ernst und ruft zu einer empowernden Togetherness auf. Damit verdichtet sie, sprachlich äußerst präzise, das Lebensgefühl vieler Frauen, die gelernt haben, sich erfolgreich zu behaupten, aber dennoch von Selbstzweifeln geplagt sind, zu einem berührenden und hochaktuellen Stück.
Mit tief empfundener Zuneigung zu ihren Figuren, großer Wahrhaftigkeit und einem feinen Sinn für Komik erzählt Jeß von der Möglichkeit einer anderen, gleichberechtigteren Welt.
Dramatik kann gar nicht anders, als auf die multiplen Probleme der Gegenwart zu reagieren. Das Publikum verträgt das Widerspenstige, vielmehr: es erwartet die Herausforderung.
Caren Jeß


