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18.11.2023

Man kann diesem Märchen wie einer Melodie folgen

Ein Gespräch mit Philipp Stölzl (Inszenierung), Heike Vollmer (Bühne) und Kathi Maurer (Kostüme) über «Andersens Erzählungen».

Die Uraufführung «Andersens Erzählungen» ist ein Stück über den dänischen Schriftsteller H. C. Andersen, in das eines seiner bekanntesten Märchen, «Die kleine Meerjungfrau», hineinverwoben ist. Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich in Ihren Inszenierungen einem literarischen Stoff über das Leben des Autors annähern. Was ist für Sie an der Verbindung von Werk und Autor so reizvoll?

Philipp Stölzl: Jeder Mensch ist gezeichnet von Gefühlslagen, Schicksalsschlägen und Eindrücken, die zusätzlich geprägt sind durch die Stimmung der Zeit, in der er lebt. Ein Künstler bannt all das in ein Gemälde, ein Musikstück, in Literatur etc. Ich finde es interessant zu sehen, wie aus der Verdichtung all dessen Kunst entsteht, die viele Menschen bewegt. Zudem kommen diese ganzen Emotionen durch die Kunst zurück, er gibt sie an den Rezipienten weiter. Kunst kann somit als Transformator von Gefühlen gesehen werden. 

Was ich bei Andersen besonders großartig finde, ist, dass er die Form des Märchens wählt, in welchem jedoch freudianische Konstrukte, Neurosen, nicht gelebte Sehnsüchte, eine wahnsinnige Einsamkeit stecken, die mit einem sehr radikalen Liebeswunsch verbunden sind. Das ganze Werk hat für mich etwas Psychedelisches und Suizidales. Dieser möglicherweise sehr unglückliche Mann gebiert Geschichten von unfassbarer Schönheit und höchster Traurigkeit. Und das ist natürlich für einen Theaterabend perfektes Material. Zudem hatte ich immer das Gefühl, dass die Märchen sehr musikalisch sind. Man kann diesen Märchen wie einer Melodie folgen. Und das war auch der Grund, warum ich mich diesem Stoff im Kontext von Theater und Musik widmen wollte.

In dem Stück prallen zwei Welten aufeinander: die bürgerliche Welt in der Mitte des 19. Jahrhunderts und die schillernde Welt des Märchens. Während in der Familie Collin alle Gefühle permanent unterdrückt werden, um die Fassade von Bürgerlichkeit aufrechtzuerhalten, sind die Märchenfiguren extrovertiert. Wie findet sich diese Gegensätzlichkeit in der Inszenierung, aber auch im Bühnen- und Kostümbild wieder?

Heike Vollmer: Im Bühnenbild findet sich der Gegensatz insofern wieder, als dass wir ein bürgerliches Interieur, das an den dänischen Maler Vilhelm Hammershøi angelehnt ist, einer «leichten» Märchenikonografie gegenüberstellen. Im Lauf des Stücks bevölkern Märchenelemente den Raum, die wie von Geisterhand hereinzuschweben scheinen, als kämen sie aus Andersens Gedanken. Man befindet sich sozusagen in einer «Max-Ernst-Collage», in der plötzlich ein Fisch auf einem Gründerzeitsofa sitzt. 

Kathi Maurer: In den Kostümen spiegelt sich zum einen die reale Welt des jungen Andersen in seiner Zeit wider, dem Biedermeier. Die Kostüme sind an historische Vorbilder angelehnt, die das Konservative dieser bürgerlichen Gesellschaft zum Ausdruck bringen – streng, fast schwarz-weiß und hochgeschlossen. Zum anderen sind die Kostüme aus der Märchenwelt opulent, schillernd, surreal und von großer Farbigkeit. Also das totale Gegenteil.

Philipp Stölzl: In der Biedermeierzeit haben wir es mit einem Spießbürgertum zu tun, in dem sich die neue bürgerliche Schicht absetzt von der Dekadenz und «Sittenlosigkeit» des Adels. Diese Spießigkeit wirkte identitätsstiftend. Im Gegensatz dazu ist es spannend zu sehen, dass Andersens Märchen sehr entfesselt sind. In der Kunst durfte man den Exzess also denken, den man selbst nicht leben durfte. Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass in dieser Zeit das Körperliche sehr problematisch war. Sinnlichkeit gab es kaum, die Gesellschaft war unfassbar verklemmt. Trotzdem waren die Frauen ständig schwanger. Zudem war Syphilis weitverbreitet, die Menschen waren umgeben vom Tod. Und vor diesem Hintergrund kann man das Exzessive und Radikale einer Kunst, wie sie Andersen entwirft, gar nicht hoch genug einschätzen.

In Andersens Märchen kommt Ungeheuerliches zur Sprache, das letztlich zum Katalysator für alle Beteiligten mit realen Konsequenzen wird. Wie schätzt ihr die Wirkungskraft von Geschichten, ja von Kunst im Allgemeinen ein?

Philipp Stölzl: Wenn man das Gefühl hätte, Kunst wäre nicht wichtig für die Gesellschaft, würde man sie auch gar nicht machen. Im besten Fall hat Kunst eine karthatische Wirkung. Als Künstler hat man schließlich den Wunsch, etwas in den Seelen der Menschen zu hinterlassen. Nur das Schöne und Unterhaltsame allein kann es nicht sein. Als Mensch ist man die Summe der Erfahrungen, die man gemacht hat, und wenn Kunst ein Teil des eigenen Lebens ist, dann sind es auch Kunsterfahrungen, die sich einschreiben. Kunst öffnet einem die Augen, sei es gesellschaftlich, sei es emotional. Die Wirkungskraft der kleinen Meerjungfrau zum Beispiel ist sehr komplex, aber erzählt sich unmittelbar und direkt. Diese Figur hat über Generationen hinweg Menschen ergriffen und gehört unterdessen zu den ikonischen Geschichten.

Wie überträgt Jherek Bischoff die Geschichte und beispielsweise diese komplexe Wirkungskraft der Kleinen Meerjungfrau in Musik?

Philipp Stölzl: Ich empfinde die Musik von Jherek als einen absoluten Glücksfall. Ich trage dieses Projekt bereits viele Jahre in mir, aber ich habe lange niemanden gefunden, der die Musik dazu schreibt. In der zeitgenössischen europäischen Musik gibt es nur – überspitzt formuliert – neue Musik und dann Musical. Es scheint so, als gäbe es dazwischen nichts. Aber es gibt etwas dazwischen, und Bischoffs Musik bestellt genau dieses Feld. Er schreibt eine unglaublich melodiöse und emotionale Musik, ohne flach zu sein.