Unsere Körper

Ich kann nicht anders als zu fragen: Sind Frauen wirklich so frei in ihrer Entscheidung, Kinder zu bekommen und Mutter zu werden, wie es die gesellschaftliche Norm in Anführungsstrichen weiterhin für Frauen vorsieht? Eine Norm, die sich über Jahrhunderte und von Generation zu Generation weiter eingeschrieben hat als das Bild der Frau als Mutter. Sind unsere Körper wirklich frei?
24. Juni 2022: Der Bundestag schafft den Paragrafen 219 a ab und ermöglicht Ärzt*innen so, Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen öffentlich zu machen, was bis dato als «Werbung» galt und strafrechtlich verfolgt werden konnte. Die CSU-Abgeordnete Bär kritisierte diese Entscheidung scharf und argumentierte, es verletze die Rechte ungeborener Kinder, während Kristina Hänel, Frauenärztin, die 2017 aufgrund oben genannter Informationen auf der Internetseite ihrer Arztpraxis bis dato vorbestraft war, die Entscheidung als einen großen Tag der Demokratie und der Rechte von Frauen feiert. Es ist aber auch der Tag, an dem der Supreme Court der USA 50 Jahre nach der Legalisierung von Abtreibungen das Urteil fällt, dieses Recht wieder rückgängig zu machen.
Es sind Entscheidungen, die direkten Einfluss auf das Leben und die Körper von Frauen haben. Lange habe ich mich nicht mehr so direkt körperlich und in meiner
Freiheit als Frau und weiblich gelesener Person angegriffen gefühlt.

Zur selben Zeit wähnen wir uns in dieser Gesellschaft im Jahr 2022 so frei und emanzipiert wie noch nie. Aber obgleich weiblich gelesene Personen mittlerweile mehr Zugang zu Bildung und (dadurch) finanziellen Mitteln haben, obgleich der Gender-Pay-Gap sich langsam aber stetig verkleinert, gilt dieses statistisch nur, bis das erste Kind auf die Welt kommt. Ab diesem Moment und auch bereits vorher folgen in diesem Land strukturelle Benachteiligungen für Frauen aller Art: Ehegattensplitting, steuerliche Benachteiligung für Alleinerziehende gegenüber dem klassischen Familienmodell, fehlende Kinderbetreuung, unausgeglichene Elternzeit, unbezahlte Care-Arbeit: All das Gründe, weshalb es Frauen sind, die prozentual viel häufiger von Altersarmut betroffen sind. Es sind Gesetze und Bedingungen, die Frauen und weiblich gelesene Personen kontrollieren und nach wie vor in eine vorgesehene Rolle drängen: die der heterosexuellen Mutter und Hausfrau.
Es sind dieselben Gründe, die Frauen in finanzielle Abhängigkeiten drängen, die es erschweren, gewalttätige Partner zu verlassen. Laut BKA wird in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Erst seit einiger Zeit lesen wir in den Schlagzeilen das Wort «Femizid» anstatt des altbekannten «Eifersuchtsdramas».

Es sind unsere Körper, auf die Entscheidungen und Gesetze direkte Auswirkungen haben. Es ist das Transsexuellengesetz von 1981, das möglicherweise bald ebenfalls abgeschafft wird, das Transpersonen auf vielerlei Weise erschwert, ihre Namen zu ändern und im angestrebten Geschlecht zu leben. Es ist die Benachteiligung homosexueller Mütter, die, anders als in einer Frau-Mann-Beziehung nicht automatisch beide Mütter sind, es ist die männlich geprägte Medizin, die Krankheiten wie Endometriose lange Zeit nicht ernst genommen und heruntergespielt hat – es ist, es sind, es ist, es sind ...
Der einzige Trost, der bleibt, ist das Sprechen, das Erzählen, das Zuhören, ist das Sichtbarmachen, ist der Einspruch, ist das Aufbegehren gegen das Kleinhalten von weiblich gelesenen Personen, ist die Wut und das Zusammenhalten von Menschen jedweden Geschlechts, die gleichberechtigt leben wollen. Es ist ein Trost, der, wie Seyda Kurt in ihrem Buch «Radikale Zärtlichkeit» schreibt, zur Folge hat, «dass wenn wir mit der Phrase ‹Die Gedanken sind frei!› vertröstet werden sollen, antworten können: Das reicht uns aber nicht! Und wie frei sind die Gedanken, wenn die Körper nicht frei sind?»
«Die Rezepte für ein erfülltes Leben, die uns unsere Gesellschaft anbietet, verursachen offenbar eine ganze Menge Unglück, sowohl auf Seiten derer, die nicht in der Lage oder willens sind, diese Rezepte zu befolgen, und deswegen stigmatisiert werden, als auch auf Seiten derer, die brav nach Rezept leben, aber das Glück trotzdem nicht finden.»
Rebecca Solnit
Statistische Daten zum Thema finden Sie beispielsweise im Dossier «Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich? Zur gesellschaftlichen Dimension einer privaten Frage» des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und in der Studie «Wer gewinnt? Wer verliert? Die Absicherung von Lebenseinkommen durch Familie und Staat» der Bertelsmann Stiftung.



