Von Tieren und Menschen

Vor über 5000 Jahren wurden in Mesopotamien die ersten Geschichten erzählt, in denen Tiere mit menschlichen Eigenschaften vorkamen. Besonders häufig ging es um den Kampf zwischen Fuchs und Wolf. In Europa war von der Figur des listigen Reineke Fuchs bereits um 1200 n. Chr. zu hören und zu lesen. Diese hatte mittellateinische, altfranzösische und niederländische Wurzeln. Im deutschsprachigen Raum war Reineke Fuchs vor allem im Norden als Volksbuch bekannt. So nannte der Reformator Martin Luther das Werk eine «lebendige Kontrafraktur des Hoflebens».
Johann Wolfgang Goethe hatte bereits als Kind die hochdeutsche Übersetzung von Johann Christoph Gottsched gelesen und war von dem Werk fasziniert. Später las er auch die französische Dichtung, den «Roman de Renart». Seine eigene Bearbeitung des Epos in zwölf Gesängen und in der Versform des Hexameters erschien 1794 – er war mittlerweile geadelt worden und durfte sich von Goethe nennen. Abgestoßen von der Brutalität der kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Französische Revolution nach sich zog, floh er in die Fantasiewelt der Tiere. «Ich unternahm die Arbeit, um mich das vergangene Vierteljahr von der Betrachtung der Welthändel abzuziehen. Es ist mir gelungen.», schrieb er an einen Freund. Dieses Werk bezog in einem größerem Maß politisch Stellung, als es ihm vielleicht recht war. Er nannte die Fabel selbst eine «unheilige Weltbibel» – kritisiert sie doch unverblümt die (Herrsch-)Gier, die Doppelmoral der Kirche und den Verlust von jeglicher Moral in der Gesellschaft. Nicht umsonst verbot die österreichische Kaiserin Maria Theresia Gottscheds Übersetzung und auch im Bayern des Vormärz wurde Goethes Werk mit den Illustrationen von Wilhelm von Kaulbach «staatlich behindert».

Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami hat Goethes Epos mit Begeisterung gelesen: «Der Fuchs war in allen früheren Fassungen der absolut charakterlose Verbrecher gewesen. Goethe verfeinerte die Konstellationen ein wenig – und stellte die anderen Tiere gegen ihn. So gewann er an Sympathie. Der Fuchs durchschaut die List der Macht und wendet sie gegen seine Feinde. Am Ende ist er bei Goethe ein Schelm mit uns nur allzu bekannten menschlichen Schwächen.»
Bei aller Nähe zur Wirklichkeit – menschliche Entsprechungen von Löwe, Wolf, Dachs, Hase, Bär, Katze und natürlich Fuchs fanden sich an allen Höfen der damaligen Zeit – wollte Goethe seine Leser*innen vor allem unterhalten. Und das möchte die Inszenierung von Schorsch Kamerun auch. Nicht umsonst lautet der Untertitel: Ein schwindelerregendes Theatermusical. Es gibt Songs von Kamerun, der als Sänger der Punkband «Die Goldenen Zitronen» bekannt ist, und dem Komponisten PC Nackt zu hören und in der phantasievollen Ausstattung von Katja Eichbaum und Gloria Brillowska tanzt eine Begleiterin des Protagonisten – der sogenannte
Firefox.

Und worin liegt für Schorsch Kamerun die Verbindung zu unserer Zeit? «Ich glaube der Fuchs benutzt Strategien, die sehr heutig sind. Er streut bewusst Unwahrheiten – Fake News von Fox News sozusagen. Und da ist dieser furchtbar antidemokratische Löwen-Herrscher, ein Autokrat, dem wir aktuell zunehmend wieder begegnen, nach dem sich ein Teil der Gesellschaft auch wieder zu sehnen scheint, weil ihr somit eine geordnete Welt versprochen wird. Der Fuchs steht eigentlich für ein gewolltes Chaos, er benutzt dieses, um das System zu beschäftigen und es pur eigennützig zu erhalten. Diese Strategie übernehmen heutige Herrscher*innen und Populist*innen.»
Johann Wolfgang von Goethe schrieb sein Epos für Erwachsene; danach erschienen zahlreiche Bearbeitungen – wie die berühmte von Janosch – die sich ausschließlich an Kinder richteten. Schorsch Kamerun und die Residenztheater-Schauspieler*innen erzählen nun die Geschichte des verbrecherischen und gleichzeitig so smarten Schlau-Fuchses als Revue für alle Menschen ab zehn Jahren.
