Das Unsagbare sagen
Autor Jan Dvořák über die Entstehung von «Andersens Erzählungen».

Wozu in vergangene Epochen zurückschauen? Aus Nostalgie? Reaktionären Sehnsüchten? Oder im Gegenteil, um sich der eigenen progressiven Überlegenheit zu versichern? Bloß nicht. Für mich ist der Blick zurück eine Quelle der Erkenntnis. Eine faszinierende Frage ist beispielsweise die Frage nach dem Sprachregime einer vergangenen Epoche, also die Frage danach, was zu einer bestimmten Zeit aussprechbar war und was nicht. In Bezug auf die Gegenwart ist das gar nicht leicht zu sagen, da das «Unaussprechliche» eben meist auch das ist, was man gar nicht so leicht denken kann. Das führt dazu, dass man die Begrenzung des eigenen Denkens durch die Grenzen der Sprache nicht bemerkt.
In Bezug auf das 19. Jahrhundert fällt mir das leichter. Seit meiner Kindheit habe ich eine Leidenschaft für diese Epoche, anfänglich vermittelt durch Karl May, Jules Verne oder Edgar Allan Poe. Die Menschen des 19. Jahrhunderts sind modern genug, um sich in sie hineinversetzen zu können und gleichzeitig weit genug entfernt, um ihre blinden Flecken, Seltsamkeiten und Beschränkungen zu sehen. Gleichzeitig ist das 19.Jahrhundert das Zeitalter, in dem die Grundlagen für quasi alle Bereiche des modernen Lebens gelegt wurden: in Wissenschaft und Kunst genauso wie in Politik oder Freizeitverhalten.

Nun ist eines der unaussprechlichsten Themen des 19. Jahrhunderts bis Magnus Hirschfeld mit Sicherheit die Homosexualität. Diese Unaussprechlichkeit muss man sich aber nicht in der Weise vorstellen, dass Homosexualität als Phänomen bekannt, aber unterdrückt gewesen sei. Nein, die Vorstellung, dass es Menschen geben könnte, die von Natur aus eine andere sexuelle Ausrichtung haben als Adam und Eva, war einfach nicht vorstellbar und dementsprechend gab es auch keine Worte dafür. Die sogenannte «Knabenliebe» galt entweder einfach als Laster wie das Spielen oder Trinken. Oder sie war eine Schwärmerei im Sinne der Antike oder des romantischen Freundschaftskultes. Weder Kirche noch Wissenschaft hielten etwas wie Homosexualität für möglich; noch für Freud war sie eine möglicherweise therapierbare «Abirrung».
Als ich begann, mich im Frühsommer 2018 mit Leben und Werk H. C. Andersens zu beschäftigen, war mir schnell klar, dass der Aspekt der Sublimierung von Homoerotik im Werk des Dichters unglaublich vielschichtig war. Wählte doch der große Däne ausgerechnet das Medium des Kindermärchens, um seine subtilen Botschaften von Andersartigkeit, unerfüllter Liebe und Außenseitertum zu formulieren und erreichte durch diese literarische Camouflage eine universelle Aussagekraft.
Absolut schlagend war für mich die Entdeckung, dass die Ereignisse des Jahres 1836 – also die Heirat von Andersens angebetetem Jugendfreund Edvard Collin, zu der Andersen nicht erwünscht war – nahezu deckungsgleich waren mit der Geschichte der «Kleinen Meerjungfrau». Und mehr noch: dass Andersen dieses Märchen an exakt dem Tag zu schreiben begann, als diese für ihn so schreckliche Hochzeit stattfand.

Ich schlug also unserem Regisseur Philipp Stölzl vor, diese denkwürdige Koinzidenz zum Anlass für eine zwar fiktive, aber nicht unrealistische «alternative Geschichtsschreibung» zu nutzen. Zugleich beschlossen wir, das ursprünglich sehr viel breiter geplante Projekt auf die Nacht vor dieser Hochzeit zu verdichten, auf dieses eine Märchen und diese wahrscheinlich größte Liebe im Leben Andersens.
Die erste Version des Stückes schrieb sich leicht. Vielleicht half die skandinavische (...wenn auch nicht dänische, sondern schwedische) Waldeinsamkeit unserer Familienhütte, um sich in die Atmosphäre der Schicksalsnacht hineinzuversetzen. Deutlich schwieriger war es, die Liedtexte zu verfassen, denn alle komponierten Passsagen sollten sich auf das Märchen beziehen. Wie aber schreibt man Verse mit den Worten eines anderen? Selbst ein Musiktheaterkomponist, fiel es mir schwer, «abstraktes» Textmaterial für einen anderen Komponisten zu ersinnen. Ich entschied mich bald gegen eine eigene Sprache für das Libretto und begann, alle Liedtexte komplett aus Andersens Märchen abzuleiten.
Du bist meine offene Wunde! Du bist das, was mich schreiben lässt.
Zum Glück fand es unser Komponist Jherek Bischoff leicht, sich auf diese ungewöhnliche Lyrik einzulassen. Obwohl er kaum Deutsch versteht, fand er die altertümlichen Rhythmen und Sprachklänge so inspirierend, dass in erstaunlich schneller Folge die schönsten Melodieerfindungen in unseren elektronischen Briefkästen landeten. Nun begann die Überarbeitungsphase mit Stölzl. Unser Ehrgeiz ist bei den gemeinsamen Projekten immer, dass Text und Musik, Ausstattung und Dramaturgie aus einem Guss sind, dass es nicht diese theatertypischen Deutungsdiskrepanzen gibt. Das emotional intelligente Volkstheater, nach dem wir suchen, baut darauf, dass in einer gut erzählten Geschichte sich Botschaft, Tiefe und Geheimnis gleichsam von selbst einstellen, so dass man sie nicht didaktisch interpretieren muss, sondern die Interpretation dem Zuschauer überlassen kann.

Umso mehr gilt dieses Verfahren bei «Andersens Erzählungen», wo im Zentrum etwas Unsagbares steht, wo Andersens quälendes Geheimnis für ihn selbst wie für alle anderen ein verwirrendes Mysterium bleibt. Ein Mysterium allerdings, das auch in seinem wirklichen Leben ungeheuer produktiv für ihn wurde. Die Schönheit seiner Märchen, das Spiel zwischen echter und gespielter Naivität, zwischen Symbolismus und Mythos wäre kaum denkbar, wenn es nicht dieses ungeheure Ausdrucksbedürfnis gegeben hätte, dem die Worte fehlten. Was für eine diffizile und lohnenswerte Aufgabe für unser gemischtes Ensemble, sowohl in der realistischen Ebene als auch in den Gesängen und Tänzen des Märchens!
Selbst der offene, durchsichtige See hat Tiefen, die kein Taucher kennt.
Die Urfassung in Basel war 2019 ein großer Erfolg, beim Publikum wie bei der Kritik. Umso schöner, dass es vier Jahre später die Chance gab, eine zweite, stärker schauspielorientierte Fassung für das Residenztheater zu erstellen. Ein Teil des Ensembles von damals ist wieder dabei, andere neu hinzugekommen. Und auch der Text hat sich weiterentwickelt. Sogar eine neue Rolle hat sich ergeben, die von Andersens Ziehmutter Christine Collin. Noch jetzt verschieben sich die Grenzen des Sagbaren und des Unsagbaren bei fast jeder Probe. Endgültig feststehen werden sie wohl erst bei der Premiere.
Bis dahin heißt es, immer wieder und immer tiefer einzutauchen in die Tragik und das Glück im Leben dieses so unverstandenen wie erfolgreichen Schriftstellers, um in der Fiktion vielleicht einen Hauch von Wahrheit zu finden. Vielleicht wäre es so gewesen. Vielleicht so ähnlich. Vielleicht aber auch vollkommen anders.




