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24.04.2026
Eva Illouz

ZWISCHEN TEIRESIAS UND ÖDIPUS

aus der Festrede zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung des Neuen Residenztheater

In «König Ödipus» ist die Blindheit das eine und sein Gegenteil – eine selbst zugefügte Bestrafung jener metaphorischen Blindheit, die dazu führt, dass Ödipus seine Verbrechen unwissentlich begeht, und ein Segen, eine gottgegebene Behinderung, da Teiresias als einziger zu sehen vermag, was sonst niemand sieht. Ödipus und Teiresias veranschaulichen jeder auf seine Weise die Ambivalenz des Theaters gegenüber dem Gesichtssinn. Zwei Bedeutungen des Verbs «sehen» machen dies deutlich: Wir sagen zum Beispiel «So wie ich die Sache sehe», wenn wir unser Verständnis einer Angelegenheit zum Ausdruck bringen wollen. Sehen ist aber auch ein Sinneseindruck, verbunden mit den Stimuli, die die Netzhaut unserer Augen registriert. In diesem Sinn heißt sehen einfach, die phänomenale Oberfläche der Dinge zu erfassen, und das erinnert uns daran, dass die Sehkraft im Reich der Erscheinungen angesiedelt ist. Seit Platon aber müssen wir annehmen, dass unsere Augen nie wirklich alles sehen, was es zu sehen gibt, und dass hinter den Erscheinungen eine andere Wirklichkeit existiert. Wenn wir die Welt mit unseren Augen wahrnehmen, dann auch deshalb, weil uns ein tieferer Zugang zur Welt verschlossen bleibt.

Steffen Höld (Mitte) als Teiresias mit Florian von Manteuffel als Ödipus in Robert Ickes Neuinterpretation des antiken Mythos

Das Theater warf zuerst, noch vor der Philosophie, Fragen nach der Ontologie auf, also nach dem Wesen der Realität. Es vermischt und verwechselt Sicht und Einsicht, was die Frage aufwirft, welche Augen es bevorzugt: die von Teiresias oder die von Ödipus. Wenn wir erblinden wie Teiresias, können wir kein Theaterstück sehen. Wir haben keine Augen. Wenn wir aber die Augen von Ödipus haben, mit denen wir ein Stück sehen können, werden wir blind für die tieferen Wahrheiten sein, die in uns liegen und die das Theater offenbart. Das Theater entfaltet wesentlich dieses Dilemma, denn es ist die Kunst opulenter Kulissen, bunter Schminke, Masken und Kostüme, doch ist es zugleich das Genre, das vor allen anderen Menschen in ihrem Wesen erforscht hat, in ihren psychologischen Tiefen, ihrem inneren Leiden und ihrer Blindheit für sich selbst. Das Theater wird durch das selbsttäuschende Sehen eines Ödipus möglich gemacht, will uns aber die Einsicht eines Teiresias vermitteln. In diesem Verwirrspiel kann es die tiefgründigste Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Illusion stellen. Das Theater hat diese Frage auf einzigartige Weise aufgeworfen und eine einzigartige Antwort auf sie gegeben.

Teiresias
in «Ödipus» von Robert Icke
Du siehst. Und du wünschst dir, du wärst blind.

Ich möchte die These vorschlagen, dass die Funktion der Kunst im Wesentlichen darin besteht, eine falsche Wirklichkeit zu konstruieren und gleichzeitig Zugang zu Wahrheiten jenseits des Reichs der Erscheinungen zu ermöglichen. Die Kunst erlangt Wahrheit durch Illusion. Das Theater lässt uns, wie Teiresias, durch die Erscheinung der Dinge hindurchsehen, aber es ist auch, wie Ödipus’ Sicht vor seiner Selbstblendung, eine Illusion, die auf andere Illusionen getürmt wird, eine Ausschmückung der Verzweiflung und des Elends des Menschseins. Wir brauchen die Wahrheit, aber die Wahrheit muss abgefedert werden und diese Abfederung ist die Kunst. Kunst ist eine indirekte Weise, die Wahrheit zu sagen, kein gerader Weg oder stumpfes Instrument, um in ihren Besitz zu gelangen.

Wir brauchen die Kunst auf dieselbe Weise und aus denselben Gründen wie die Wissenschaft; um uns unseres ununterdrückbaren Bedürfnisses nach Wahrheit zu vergewissern. Kunst und Wissenschaft sind die beiden zusammengehörigen menschlichen Tätigkeiten, in denen die Wahrheit und das Gute in eins fallen, nicht weil sie von Haus aus gut wären, sondern weil sie das Bedürfnis nach Wahrheit lebendig halten.