Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt
Dramaturg Michael Billenkamp im Gespräch mit Regisseurin Elsa-Sophie Jach

Jean-Paul Sartres «Die Fliegen» wird heute selten ge-spielt, weil es unmittelbar mit seiner Entstehungszeit verbunden ist. Sartre hatte Aischylos’ antike Trilogie der «Orestie» vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg überschrieben und unter Einbeziehung seiner existenzialistischen Philosophie auch radikal umgedeutet. Was reizt dich daran, dich gerade jetzt mit diesem Stoff auseinanderzusetzen?
In erster Linie weil dieses Stück für unsere Zeit gerade wieder sehr aktuell und relevant geworden ist. Das beginnt schon mit der Grundsituation. Typisch für antike Tragödien wie die «Orestie» ist ja, dass ein Individuum mit einer ausweglosen Situation konfrontiert wird, worin dann die ganze Tragik des Menschseins gespiegelt wird. Das Spannende bei Sartre ist, dass er zwar die gleiche Ausgangssituation wählt, darüber aber eine gegenteilige These aufstellt: Selbst in der hoffnungslosesten Situation ist der Mensch niemals Opfer oder Spielball der Götter, sondern er besitzt bis zu seinem Ende die Freiheit zu handeln. Elektra und Orest erlangen diese Erkenntnis im Verlauf des Stückes auf schmerzhafte Art und Weise und müssen sich dann den daraus folgenden Konsequenzen stellen. Denn für Sartre ist es die Pflicht des Menschen, seine Freiheit auch in scheinbar ausweglosen Situationen noch zu nutzen und sich einer Gesellschaft gegenüber zu verhalten. Das ist
natürlich eine radikale und schwer erfüllbare Forderung.
Eine wichtige Rolle spielt bei ihm auch, wie dieses Verhalten dann aussehen könnte und welche Mittel erlaubt sind. In Summe werden in den «Fliegen» also auch Themen wie Widerstand, die Anwendung von Gewalt und Tyrannenmord verhandelt. Sartre stellt diese Fragen natürlich für seine Zeit, gleichzeitig fordert er aber auf, sein Stück als eine Folie zu benutzen und es im Hinblick auf eine andere Zeit immer wieder neu zu untersuchen.

Und für welche Folie hast du dich entschieden?
Bei dem Thema Klimawandel steht man ja auch vor der Frage, ob man als Individuum überhaupt noch etwas tun kann, weil sich dieser möglicherweise nicht mehr aufhalten lässt. Oder heißt das im Umkehrschluss sogar viel mehr, dass man gerade jetzt etwas tun und sich eindeutig dazu verhalten muss. Diese Forderung ist im Moment sehr aktuell, auch weil die lange Zeit eher altmodisch gewordene Frage nach der Verantwortung von einer jüngeren Generation gerade wieder sehr präsent formuliert wird.
Vor allem Sartres Diktum, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt ist, finde ich für unsere Zeit besonders relevant, weil es bedeutet, dass man trotz aller Widrigkeiten die Freiheit und auch die Verpflichtung hat, zu handeln. Gleichzeitig formuliert er in der Figur des Orest auch, wie schwer es ist, eine größere politische Problematik als Teil seiner selbst greifbar zu machen, anstatt sich nur als losgelöstes, schwebendes Teilchen in einer überwältigend schnelllebigen und ortlosen Gegenwart wahrzunehmen. Darum lässt sich dieses Stück außerordentlich gut für unsere heutige Zeit lesen.
Du hast gerade gesagt, dass das Thema Klimawandel in deiner Inszenierung eine ganz entscheidende Rolle spielt. Vielleicht kannst du diese Setzung noch etwas
ausführen.
Sartre selbst hat vor dem Hintergrund des Abwurfs der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki durch die USStreitkräfte im Jahr 1945 die These aufgestellt, dass, wenn die Menschheit auch in Zukunft auf diesem Planeten fortleben sollte, dies eine aktive Entscheidung benötigt, weil sie nun auch über die Mittel zu ihrer Zerstörung verfügt und ein einfaches «Weitermachen» deshalb nicht genügt. Er fordert - sehr heutig - zur Zeugenschaft mit dieser «unterhöhlten Erde» auf. Jede*r von uns muss sich mit diesem Thema auseinandersetzen – und selbst wer sich dem verweigert, entscheidet sich ja auch ganz bewusst dagegen.
Diese Unausweichlichkeit ist der eine Grund, der andere ist, dass daran viele andere Problematiken gekoppelt sind: das ausbeuterische kapitalistische System im Hinblick auf die Umweltzerstörung zum Beispiel, genauso aber auch die damit verbundenen fatalen Machtstrukturen. Es lassen sich über diesen Themenkomplex also nicht nur Fragen nach einer ökologischen, sondern genauso nach einer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung verhandeln. Außerdem ist der Klimawandel auch Spiegel für einen grundlegenden Generationenkonflikt - und hier liegt dann auch die Parallele zu Aischylos’ «Orestie». Bei beiden geht es um die Frage: Was tun, wenn eine Generation eine Schuld hinterlässt, mit der nicht mehr umzugehen ist? Was passiert, wenn so viele Schulden aufgehäuft wurden, dass nachfolgende Generationen gar keine Chance mehr haben, sich eine eigene Zukunft aufzubauen?
Du hast gerade den in der «Orestie» entscheidenden Begriff der Schuld erwähnt. Bei Sartre sind die Fliegen eine Metapher für eine zurückliegende Schuld – gesandt
von den Göttern als Strafe für den Mord Klytämnestras und Ägisths an Agamemnon. Was sind die Fliegen bei dir?
Wir haben uns natürlich gefragt, was die Fliegen im Stück auf einer ganz bildlichen Ebene heute sein könnten. Es gibt diverse Studien, die zeigen, dass es bei weiter steigenden Temperaturen zu regelrechten Fliegen- und Mückenplagen kommen wird. Bei Sartre wird Orests Heimatstadt Argos als zerstört und verwahrlost beschrieben, fast wie eine Müllkippe. Dass darüber dann die Fliegenschwärme herfallen, hat viel mit Bildern unserer heutigen Welt zu tun. Als real
mögliche Konsequenz der Umweltzerstörung, aber auch als Symbol für die eigene Bequemlichkeit. Die menschliche Schuld an der Ausbeutung der Natur ist zwar vielen bewusst, führt aber trotzdem nicht zum Handeln, weil es einfacher ist zu sagen: Ich kann ja jetzt eh nichts mehr tun, also lasse ich es mir noch ein paar Jahrzehnte gut gehen.
Sartres Hintergrund war natürlich ein komplett anderer, weil er die Bilder der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg im Kopf hatte. Für mich war aber die Analogie
zwischen diesen beiden von Menschen gemachten Zerstörungen sehr einleuchtend. Das Stück als eine dystopische Vision unserer Zukunft zu begreifen und darin eine Gesellschaft zu zeigen, die in ihrer Schuld verharrt und diese ständig als Entschuldigung dafür benutzt, sich ihrem Schicksal zu fügen und nichts zu verändern.

Sartres Philosophie des Existenzialismus ist ja sehr zukunftsgerichtet, weil er der Meinung ist, dass das Handeln jedes Einzelnen von uns die Zukunft aller bestimmt
und beeinflusst. Für Sartre sind Resignation oder Fatalismus darum auch nur Ausreden, denn jede*r, der nichts tut, will auch keine Veränderung. Teilst du seine Ansicht?
Ich würde Sartre dahingehend zustimmen, dass Nichtstun keine Alternative ist. Interessant ist, dass es bei der im Stückeingeschriebenen Forderung sich zu verhalten, im Grunde gar nicht darum geht, alles richtig zu machen, sondern dass es viel wichtiger ist, sich im Hinblick auf das Gemeinwohl aktiv einzubringen, sich solidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft zu zeigen und Stellung zu beziehen. Wenn man Sartres Vorgaben also als eine Philosophie der kleinen
Schritte auffasst, ist das zwar keine unbedingt einfache Aufforderung, nämlich eine zum stetigen Handeln, aber eine, die uns Mut machen kann, weil kleine Schritte zu mehr Erfolgserlebnissen führen. Gerade jetzt und angesichts all der überwältigenden Probleme weltweit ist das ein Gegenprogramm zu der von vielen erlebten Frustration.
Für deine Inszenierung hast du dich entschieden, Sartres Stück mit einem Prolog und Epilog von dem Dramatiker Thomas Köck zu rahmen. Warum diese Rahmung?
Sartre hatte sein Stück so geschrieben, dass es 1943 während der Besatzungszeit ohne Beanstandung der deutschen Zensur in Paris uraufgeführt werden konnte. Dass es sich bei den «Fliegen» aber eigentlich um eine Allegorie auf eben diese Besatzung und den Widerstand dagegen durch die französische Résistance handelt, ist ohne dieses Vorwissen und alleine aus dem Text nicht erkennbar. Für spätere Aufführungen hat Sartre dann noch ein Vorwort geschrieben, worin er seine Intention klar zum Ausdruck bringt. Dieses Vorwort funktioniert wie eine Art Brille, durch die man dann anders auf das Drama und seinen Inhalt blickt. Erst wenn man dieses Vorwort kennt, erschließt sich der eigentliche politische Bezug und Sartres Absichten mit seinem Stück. Sich selber hat er in die Figur des «Pädagogen», eine Art
Shakespeare’sche Narrenfigur, hineingeschrieben, der Orest nach Argos begleitet und uns Zuschauende auffordert, das Stück im Sinne seiner Philosophie zu lesen.
Bei der Vorbereitung auf die Inszenierung kamen wir dann zu der Überzeugung, dass es heute eine neue Rahmung braucht, die Sartres «Brille» auf unsere Gegenwart zuschreibt und aktualisiert. Deshalb beginnt das Stück mit einem Prolog einer postmodernen Pädagogin, die Orest seine Herkunft enthüllt und die Konflikte des Stücks für unsere Zeit übersetzt. Die Entscheidung für Thomas Köck als Autor war dann sehr einfach, weil er sich sprachgewaltig und klug genau
mit den Themen auseinandersetzt, die für uns eine wichtige Rolle spielen, wie zum Beispiel Schuld, Zerstörung und Raubbau an der Natur.
Mit seinem Prolog liefert er gleichzeitig auch die notwendige Reibung, um den Stoff ins Heute zu holen, ohne dabei aber in das Stück einzugreifen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Neuerzählung der Vorgeschichte, die bei Sartre komplett ausgespart wird. Genauso aber auch die Frage, welche Motivationen die Figuren heute antreiben könnten, auf welchen Kriegszug sich Agamemnon zum Beispiel jetzt begeben würde. Bei Aischylos ist der Kriegsgrund ja der Raub Helenas durch Paris, es war ein Krieg um die politische Vorherrschaft im geografischen Sinne. Heute ginge es mit Sicherheit eher um die Eroberung und Sicherung von Ressourcen und Bodenschätzen.
Genauso lässt sich die Geschichte Iphigenies aus gegenwärtiger Sicht anders lesen und interpretieren, zum Beispiel als eine Widerstandsgeschichte gegen diese Raubzüge und die Ausbeutung der Natur sowie als Generationenkonflikt. Mit dieser heutigen Sicht auf den alten Mythos im Prolog sieht man dann den Abend und interpretiert oder bewertet die dem Stück eingeschrieben Konflikte über Herrschaft, Widerstand, Verantwortung oder Schuld als Zuschauer*in vielleicht noch einmal ganz anders.
seit wann
stecken wir eigentlich mitten drin
in dieser zukunft die
sich nicht mehr aufschieben lässt die
sich nicht mehr aufschieben lässt die
sich nicht mehr aufschieben lässt seit wann
stecken wir in dieser zukunft
eigentlich drin
Prolog zu Satres «Die Fliegen» von Thomas Köck

Ein zentraler Bestandteil aller deiner Arbeiten ist der Einsatz und der Umgang mit Musik. Für «Die Fliegen» hast du dich gemeinsam mit deinem musikalischen Leiter Max Kühn entschieden, einen Chor auf die Bühne zu bringen. Wie kam es zu dieser Idee?
Ich habe ja vorhin schon von der Assoziation erzählt, die in der Vorbereitung für mich sehr wichtig war: Das Stück erzählt von einer zerstörten Welt, mit Müllbergen und Tierkadavern, über der Schwärme von Fliegen kreisen. Das andere Bild, das sich mir in Bezug auf die Fliegenschwärme aufgedrängt hat, war das einer hoch technisierten Welt in der die Fliegen als Drohnen zu verstehen sind, die über allem schweben und alles überwachen. Letztlich kam die Idee dann von Max Kühn, die Fliegen in einen Sound zu verwandeln und sowohl mit klassischer, fast schon sakraler Chormusik, die als Teil von Jupitas Moralsystem fungiert, als auch mit sogenannter «Drone Music» zu arbeiten, also einer digitalen Musikform, die bei uns aber von unserem Chor gesungen wird. Das sind lang gehaltene Akkorde, die sich nur minimal verändern und damit klanglich zwischen Technik, Mensch und Tier changieren. Außerdem werden nur einzelne Wörter gesungen und ständig wiederholt. Wir haben uns also auch für eine akustische Umsetzung der Fliegen entschieden, womit sich für mich eine unmittelbare Verbindung zwischen Technik und Mensch herstellt. Technik ist in unserem Leben so präsent wie ein stetig wahrgenommenes Grundrauschen, das uns unterbewusst beeinflusst, dementsprechend sind die Fliegen bei uns ein ständig anwesender Störfaktor, der über unseren Köpfen kreist, der aber auch etwas sehr Schönes, Verführerisches, Rauschhaftes sein kann.

Die Welt in Sartres Stück ist von ihm extrem düster beschrieben. Alle tragen nur schwarze Kleidung und sind in einer nicht enden wollenden Trauer gefangen. Warum habt ihr euch, was die Ausstattung betrifft, für einen ganz anderen, deutlich farbigeren Weg entschieden?
Dazu gehört, dass bei uns die Welt zweigeteilt ist. Die eine Hälfte ist skeletthaft, mit einer bekletterbaren Außenwand und einer Folie, durch die man sich physisch kämpfen muss und die an Öl und Plastikmüll erinnert. Dieser Ort ist für mich sehr nahe an Sartres Beschreibungen von Argos und hier lebt bei uns Elektra, die gelernt hat, in dieser Welt mit ihren Widrigkeiten zurecht zu kommen. Und dann gibt es noch die zweite, bunkerähnliche Innenwelt, mit glatten Oberflächen und knalligen Farben, ein Instagram-Palast, in dem Ägisth und Klytämnestra wie sich verselbstständigende Marionetten der Markt-Göttin «Jupita» auf den
Schuld(en)-bergen weiterherrschen und einfach nicht abtreten wollen. Dieser Ort hat viel mit unserer kapitalistischen Welt zu tun, in der wir uns Rückzugsorte bauen, um die Welt draußen und damit alles, was gerade schiefläuft, zu verdrängen. Klytämnestra und Ägisth halten alles von sich weg, was zerstört und kaputt ist, und schützen sich mit Hilfe aller technischen Mittel vor der einbrechenden Realität, der anstehenden Zukunft, solange es irgendwie geht. Trotzdem dringt die nachfolgende Generation und mit ihr die Fliegen irgendwann auch in diesen Raum ein.

Da Sartres «Fliegen» ja eine klare Philosophie und mit ihr auch eine Handlungsanweisung zugrunde liegt, die abschließende Frage: Was wünschst du dir, dass das Publikum aus deinem Abend mitnimmt?
Hoffnung! Genauso wie man sich im Leben ja immer wieder die Frage stellt, wie das eigene Verhalten etwas verändern kann, hat auch die Kunst und das Theater den selbstgesetzten Anspruch, Dinge anzustoßen und zu bewirken. Gleichzeitig zweifelt man aber immer wieder daran, ob das überhaupt geht und wen man damit am Ende erreicht. Aber auch hier kommt wieder Sartre ins Spiel, denn obwohl alle Zweifel und Bedenken berechtigt sind, gilt es trotzdem weiterzumachen, nicht aufzugeben, den nächsten Schritt zu gehen. Im besten Fall erzeugt der Abend – und das hat die Beschäftigung mit dem Existenzialismus bei mir auf jeden
Fall bewirkt – den Mut an die eigene Handlungsfähigkeit zu glauben. Denn wieder und wieder müssen wir uns klarmachen: die Zeit drängt.
Das menschliche Leben beginnt jenseits der Hoffnungslosigkeit.



