Die große Verneinung

Als sich auch die magischen Ausbruchsversuche in Fausts Augen als leeres »Schauspiel« entpuppen, steigert sich seine Verzweiflung in suizidale Wünsche und Fantasien. Sie bereiten den Auftritt Mephistos vor, der sich dann in subtiler Konsequenz aus Fausts Faszination der Lebensverneinung und – im Sinne einer modernisierenden Psychologisierung des überlieferten Diabolos – als Prinzip der Negation vorstellt: »Ich bin der Geist der stets verneint! ⁄ Und das mit Recht; denn alles was entsteht ⁄ Ist wert dass es zugrunde geht«.
Die Selbstpräsentation des Geistes, der »stets verneint«, hat Folgen. Faust erliegt der Versuchung, alles zu negieren. Denn im Pakt, den Faust mit dem Geist der Verneinung schließt, verwandelt sich Faust selbst in einen Geist, der jedes gegenwärtige Dasein, jeden Augenblick stets verneint, weil alles, was da ist, seinen Ansprüchen von vornherein nicht genügen kann und infolgedessen wert ist, dass »es zugrunde geht«. Faust zu Mephisto:
»Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!«
Sobald Faust einen Augenblick innehält in der permanenten Bewegung, so die Vereinbarung, will er seine Freiheit und seine Existenz verlieren: »Wie ich beharre bin ich Knecht«.
»Verweile doch! du bist so schön!« – jene in diesem eminenten Vers ausgesprochene Erfahrung der Schönheit und mithin des glücklichen Daseins schließt Faust im Pakt mit Mephisto auf kategorische Weise aus seinem Leben aus. Hier spielt sich eine Tragödie der Zeiterfahrung ab, der das Verweilen zur tödlichen Bedrohung geworden ist. Wenn jedes Verweilen in der Gegenwart, jedes Erlebnis der erfüllten Zeit, der Schönheit und zuletzt des Glücks mit dem Tod bedroht wird, entsteht aus Angst vor dieser Todesdrohung ein Furor des Realitätsverzehrs, des Weltverbrauchs, man könnte auch von einem phobisch angetriebenen Konsumrausch sprechen.
Mephisto übernimmt von diesem Moment an das Regiment im weiteren Handlungsgang – gewichtige Ausnahmen bestätigen diese Regel – und öffnet endlich die Tür, die aus dem gotischen Zimmer herausführt ins offene Leben und in die ganz andere Welt Margaretes hinein.
Zwar führen das Gelehrten- und Erkenntnisdrama Fausts und die nun anhebende Tragödie Margaretes in Goethes Text ein Eigenleben, das sich den herkömmlichen Vorstellungen eines »Werkganzen« entzieht. Als thematischen roten Faden des bruchstückhaften Dramas wird man aber immerhin das Grundprinzip des Ausbruchs aus den engen Grenzen der Überlieferung und aus den gesellschaftlichen Konventionen ansehen können. Denn auch Margaretes Geschichte handelt von der Überwindung einer bislang hermetisch geschlossenen Daseinsgrenze. In Margaretes Fall sind es freilich nicht die »allgemeinen Erdeschranken«, sondern familiäre und moralisch sowie religiös begründete Beschränkungen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dem Verlangen einer jungen Frau nach Selbstbestimmung auferlegt waren.