Die große Frustration

Fausts erstem Auftritt in der Szene »Nacht« stellt Goethe die Bühnenanweisung voran: »In einem hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer Faust unruhig auf seinem Sessel am Pulte«. So spricht Goethe gleich zu Beginn des Dramas jene moderne Gesinnung Fausts – seine Ruhelosigkeit – aus, die dann während der folgenden sechzig Jahre über alle Brüche und Hinzufügungen hinweg als zusammenhangstiftender roter Faden des großen Werks sichtbar bleiben wird. Unruhe lautet mithin das Schlüsselwort für die Tragödie, die hier anhebt und am Ende die ganze Welt in ruhelose Bewegung versetzt haben wird. Charakteristisch für seine Disposition zu Unruhe und Unzufriedenheit sind desgleichen die ersten Worte Fausts: »Habe nun, ach! Philosophie, ⁄ Juristerei und Medizin, ⁄ Und leider auch Theologie! ⁄ Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. ⁄ Da steh ich nun, ich armer Tor! ⁄ Und bin so klug als wie zuvor«. Wie ein Leitmotiv kehrt das verzweiflungsvolle »Ach« mehrfach im Eingangsmonolog Fausts wieder. Es ist Panik, die ihn ergreift beim Rückblick auf sein eigenes Leben und auf die sinnlose Leere, die sich dabei auftut, die Faust sein charakteristisches »Ach« ausrufen lässt.
Der ungeduldige Held Goethes betritt zwar noch eine altertümlich ausstaffierte Theaterwelt, die aber zugleich schon als eine gleichsam existenzialistisch modernisierte Szenerie verstanden werden kann. Hier bricht nun auch der Goethe’sche Faust – wie schon die Figur der alten Legende – radikal mit seiner Herkunft. Er verflucht die akademische Überlieferung und erklärt alle bisherigen Studien sowie sein gesamtes Wissen für wertlos, überreif für »Kehrichtfass« und »Rumpelkammer«. Während seines nächtlichen Monologs lässt uns Goethes Faust auf eine veritable Bildungskatastrophe zurückblicken, die sich im gotischen Zimmer zugetragen hat:
»Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.«
Nie gelang es ihm, einen unmittelbaren Zugriff auf die Gesetze des Daseins zu erlangen, so wie er sich das versprochen hatte:
»Dass ich nicht mehr, mit sauerm Schweiß,
Zu sagen brauche was ich nicht weiß;
Dass ich erkenne was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.«
Faust hatte sich von seinen wissenschaftlichen Bemühungen eine gottgleiche Steigerung seiner eigenen Schöpfungsmacht erwartet. Aber stets bleibt er in Wortkram stecken und fühlt sich vom »Innersten« der Welt ausgeschlossen. Der ganze Bildungsaufwand – Schule, Universitätsstudium, Forschung –, alles war vergebens. Faust blickt auf eine groteske Zeitverschwendung zurück:
»Bilde mir nicht ein was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein ich könnt was lehren
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben.«
Auf das deprimierende Resümee der Bildungsgeschichte folgt die Bankrotterklärung des Wissenschaftlers, er erliegt den Verheißungen der Magie. Als geistiges Selbstentgrenzungsunternehmen soll sie Fausts Rebellion gegen den Existenz-
»Kerker« beflügeln und den Fluchtweg aus dem düsteren »Mauerloch« seines bislang unter »Rauch und Moder« begrabenen Daseins eröffnen.