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12.12.2025

Ein Entwurzelter

Auszug aus «Der Wendepunkt» von Klaus Mann

Mein Tagebuch bestätigt, was mir in der Erinnerung so gegenwärtig bleibt: die ahnungsvoll gedrückte Stimmung jener Tage. Um nur zwei Beispiele anzuführen: «25. Mai 1931. Ernste Unterhaltung über die Notwendigkeit, Deutschland zu verlassen. Entsetzlicher Triumph des Wahnsinns.» - Und, unter dem Datum des folgenden Tages: «Wieder langes Gespräch mit Mielein, unser künftiges Exil betreffend. Ist es in der Tat unvermeidlich?» Das gleiche Gefühl der Beängstigung und Beklemmung findet sich auch in meinen literarischen Arbeiten aus dieser Zeit, den letzten also, die ich in Deutschland vollenden und publizieren sollte. Es sind nicht meine politischen Polemiken und Glossen, an die ich vor allem denke. 

Sie haben oft den forciert zuversichtlichen oder salbungsvoll rhetorischen Ton, der mir jetzt peinlich ist; vielmehr spreche ich von Dingen, in denen sich mein Kummer in künstlerischer Verwandlung - will sagen: gültiger und echter - auszudrücken suchte. Ein Roman und ein Theaterstück, die ich damals (1930-32) schrieb, scheinen den Schmerz der Heimatlosigkeit poetisch zu antizipieren. Was immer die literarischen Meriten und Schwächen dieser Experimente sein mögen, sie geben jedenfalls einen Begriff von der furchtbaren Einsamkeit, zu der ein europäisch-liberal gesinnter deutscher Intellektueller sich im Deutschland der sterbenden Republik verurteilt fand. Ein Entwurzelter? Niemals war ich es so sehr wie damals, in einem schon fremd gewordenen Vaterland, dessen vergiftete Atmosphäre meine Stimme erstickte, ihr jede Resonanz und Wirkung nahm.


Auszug aus «Der Wendepunkt» von Klaus Heinrich Thomas Mann
Erschienen im S. Fischer Verlag im Jahr 1952.
Online verfügbar durch das Projekt Gutenberg

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