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05.10.2026

Interview Elsa-Sophie Jach

»König Lear« ist, du hast es gesagt, die Tragödie eines alten Mannes, der zwar erkennt, dass die Zeit gekommen ist, um sein Reich zu übergeben, aber dennoch an seinem alten Leben sowie an Macht und Einfluss festhalten will. Ist Lear eine Figur für dich, über die man nur sagen kann: Du bist an deinem Unglück selbst schuld! Oder hast du auch Sympathie bzw. Verständnis für ihn?

Vielleicht nicht gerade Sympathie. Aber ich glaube, die große Aufgabe, die Shakespeare seinem Lear und damit auch uns als Zuschauer*innen stellt, ist, Empathie zu erlernen. Lear hat an seinem Hof eine Herrschaftsform geschaffen, die ganz an seine Person gebunden ist und keinerlei Kritik zulässt – etwas, was uns aus der heutigen Politik bekannt vorkommt. Als er endlich begreift, dass seine Töchter keine unterwürfigen Kinder mehr sind, sondern ihm als selbstbestimmte Herrscherinnen entgegentreten, geht er lieber in den rechtsfreien Raum der Heide, als sich dieser neuen Regierung unterzuordnen. Es ist zunächst ein Akt des Trotzes. Doch hier wird Lear selbst zum Ausgestoßenen und Rechtlosen. Sinnbildlich steht er damit auch für die ausgegrenzten Alten einer Gesellschaft. Erst als er alles verloren hat, dem Wahnsinn nahe und völlig nackt ist, lässt ihn Shakespeare Einsicht gewinnen. »Heult doch, heult doch, heult! Ihr seid wie Steine! Alle, Steine!«, gehört zu Lears letzten Sätzen. Jetzt versteht er, was ihm anfangs noch fehlte: die Bereitschaft, eine andere Perspektive – wie zum Beispiel die seiner Tochter Cordelia – einzunehmen und zu akzeptieren. Das ist auch, was Glosters älterer Sohn und rechtmäßiger Erbe, Edgar, von seinem geblendeten Vater an der Klippe von Dover fordert: Fantasie und Vorstellungskraft. Und: Empathie.

Das Stück wurde mitunter auch als misogyn bezeichnet, weil die beiden älteren Töchter Goneril und Regan von Shakespeare sehr negativ gezeichnet werden, wohingegen die Jüngste, Cordelia, sogar als eine weibliche Jesus-Figur überinterpretiert wurde. Teilst du diese Sicht und wenn ja, versuchst du eine andere Lesart der drei Schwestern in deiner Arbeit?

Cordelia ist für mich eher eine Rebellin: Sie möchte nicht heiraten und sich nicht verbiegen. Das ist natürlich nachvollziehbar. Aber ihr Verhalten ist auch egoistisch, denn sie überlässt ihren Schwestern die weitaus schwierigere Aufgabe, sich mit ihrem Vater auseinanderzusetzen. Mich interessiert aber gerade bei Regan und Goneril eine andere Lesart. Für mich sind die beiden Beispiele dafür, wie Frauen in einer Machtposition schnell verurteilt werden, wenn sie ihre Macht tatsächlich ausüben. Dabei sind ihr Anspruch und ihre Motivation absolut legitim: Sie weisen nicht nur zu Recht darauf hin, dass das Verhalten ihres Vaters tyrannische und gefährlich sprunghafte Züge aufweist, sondern auch darauf, dass sein Anspruch auf eine Privatarmee aus 100 Söldnern ein gefährlicher gesellschaftlicher Unruheherd ist. Sie handeln also nicht als undankbare Töchter, sondern als vorausschauende Regentinnen, als sie ihm dieses Gefolge verbieten. Einem männlichen Herrscher würde man dieses Verhalten wahrscheinlich nicht vorwerfen. Frauen dagegen sollen an erster Stelle Care-Arbeit leisten, sich um ihren Vater kümmern, und erst an zweiter Stelle regieren. Natürlich wird ihr gewalttätiges Verhalten im Laufe des Stückes dann völlig unverhältnismäßig. Aber das liegt nicht an ihren »bösen« Charakteren und ganz sicher nicht am Geschlecht, sondern an der Gewaltspirale, die ihren Ursprung im Verhalten des Vaters hat.