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05.10.2026
Michael Billenkamp

»DER NARR ALS KÖNIG UNSERER ZEIT«

Ein Gespräch von Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach mit dem Dramaturgen Michael Billenkamp über »König Lear«

William Shakespeares für viele Interpreten vielleicht größtes Drama »König Lear« bietet unzählige Deutungsmöglichkeiten – Polittragödie, Familiendrama, Generationenkonflikt oder Gesellschaftsdystopie. Was ist das Stück in deiner Lesart?

»König Lear« spielt in einer apokalyptischen und wüsten Landschaft, denn wir befinden uns im Auge eines Sturms, in einem Machtvakuum. Durch eine Heide zieht bei Nacht und Gewitter ein ganzer Trupp von Wahnsinnigen und Narren – der alte König Lear vielleicht der größte unter ihnen –, während zeitgleich ein Krieg um seine Nachfolge ausbricht. Es geht also um ein Sich-Verirren. Niemand ist, wer er scheint, alles ist ein großes Spiel im Spiel. Es wimmelt nur so von Verkleidungen, Intrigen und heimlichen Briefen. Aber alles dreht sich um die eine zentrale Frage: In welcher Welt leben wir, wenn die Zukunft keinen Wert mehr für uns hat?

Die Heide auf Marlene Lockemanns Bühne funktioniert wie eine Endlosschleife, aus der man nicht aussteigen, auf der man keine Orientierung finden kann: Es gibt in diesem Setting keine Regeln und Strukturen mehr, an denen man sich festhalten könnte. Die Komposition von Max Kühn greift mit zwei Schlagwerkern und einem Bläser die Zerrissenheit dieser Welt auf. Seine Musik bildet den Sturm, in dem die Figuren umhergetrieben werden. Alle befinden sich im freien Fall. Shakespeare zeigt eine düstere Welt, in der die Empathie komplett verloren gegangen ist und erst wieder neu erlernt werden muss. Nur wer das schafft, wird am Ende überleben und kann diese Welt in eine Zukunft führen. Darum stellt das Stück die Frage nach dem Erbe auch im Sinne einer Überantwortung. Sogar die Natur wehrt sich bei Shakespeare mit ihren eigenen Mitteln: Viermal lautet die berühmte Regieanweisung »immer noch Sturm«.

Der alt gewordene König Lear gilt vielen als der typische Repräsentant eines launischen und unberechenbaren Patriarchen und Tyrannen. Würdest du in ihm auch ein Stück weit den Prototypen zeitgenössischer Politik sehen?

Lear steht für mich im heutigen Sinne sinnbildlich für eine Generation, die nicht von der Macht loslassen kann und deshalb verhindert, dass Wege für eine bessere Zukunft beschritten werden können. Zwar will er abdanken und sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen, allerdings nur unter der Bedingung, dass diese sich seiner patriarchalen Vorherrschaft weiterhin unterordnen und ihn auch künftig mit seinem Gefolge bei sich wohnen lassen. Zu Beginn des Stückes zeigt Lear sich als narzisstisch, eitel und dadurch unglaublich angreifbar. In einem Wettbewerb der Schmeicheleien sollen ihn alle in Superlativen bestätigen. Das erinnert an heutige Praktiken: Im digitalen Raum kannst du nur Follower oder kein Follower sein. Jemanden liken oder nicht. Bestätigung ist gefragt, Raum für Kritik gibt es keinen. So spielt Lear seine Töchter gegeneinander aus, lässt sie gegeneinander antreten. Er hält Liebe für messbar und damit käuflich. Doch diese verweigern sich letztlich Lears Diktat: Goneril und Regan nehmen nur, was ihnen nützlich ist – Besitz und Macht. Cordelia geht noch weiter und lehnt all dies ab, denn sie will sich keinesfalls etwas und erst recht keine Heirat vorschreiben lassen. 

Shakespeare beschränkt diesen Konflikt aber nicht nur auf Lear und seine Töchter, sondern weitet ihn mit der Parallelhandlung seines Stücks zum Generationenkonflikt aus: Denn auch Lears Berater, der Graf von Gloster, ist ängstlich, eitel und blind für Lear steht für mich im heutigen Sinne sinnbildlich für eine Generation, die nicht von der Macht loslassen kann und deshalb verhindert, dass Wege für eine bessere Zukunft beschritten werden können. Zwar will er abdanken und sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen, allerdings nur unter der Bedingung, dass diese sich seiner patriarchalen Vorherrschaft weiterhin unterordnen und ihn auch künftig mit seinem Gefolge bei sich wohnen lassen. Zu Beginn des Stückes zeigt Lear sich als narzisstisch, eitel und dadurch unglaublich angreifbar. In einem Wettbewerb der Schmeicheleien sollen ihn alle in Superlativen bestätigen. Das erinnert an heutige Praktiken: Im digitalen Raum kannst du nur Follower oder kein Follower sein. Jemanden liken oder nicht. Bestätigung ist gefragt, Raum für Kritik gibt es keinen. So spielt Lear seine Töchter gegeneinander aus, lässt sie gegeneinander antreten. Er hält Liebe für messbar und damit käuflich. Doch diese verweigern sich letztlich Lears Diktat: Goneril und Regan nehmen nur, was ihnen nützlich ist – Besitz und Macht. Cordelia geht noch weiter und lehnt all dies ab, denn sie will sich keinesfalls etwas und erst recht keine Heirat vorschreiben lassen. Shakespeare beschränkt diesen Konflikt aber nicht nur auf Lear und seine Töchter, sondern weitet ihn mit der Parallelhandlung seines Stücks zum Generationenkonflikt aus: Denn auch Lears Berater, der Graf von Gloster, ist ängstlich, eitel und blind für die Realität, während seine Söhne Edgar und Edmund um sein Erbe kämpfen. Die junge Generation zerfleischt sich im Konkurrenzkampf und schafft es nicht, eine politische Gemeinschaft für die Schaffung einer stabilen gesellschaftlichen Neuordnung zu bilden, während die ältere Generation aus Angst vor dem Bedeutungsverlust paranoid und damit anfällig für Intrigen wird. Die Parallelen zur zeitgenössischen Politik sind da unübersehbar. Auch Sibylle Wallums Kostüme spielen mit dieser Doppelung von Zeit und Herrschaftsverhältnissen. Sie sind glamouröse Rüstungen, aber auch fragile Hüllen, die zerfetzt werden können. Sie zerfallen wie die Welt um sie herum.