Interview Elsa-Sophie Jach

Ein wichtiger konzeptioneller Zugriff in deiner Inszenierung ist, dass du die Figur des Narren mit der von Glosters »Bastard« Edmund doppelt besetzt hast. Was ist die Idee dahinter?
Die Doppelbesetzung stärkt Edmunds Funktion als Spielmacherfigur, hat aber auch eine politische Bedeutung. »Bastard« und Narr haben eine ähnliche Position: Beide sind Teil der Gesellschaft, aber ohne eigene Rechte. Beide stehen immer am Rand und schauen zu, wissen deshalb sehr genau, wie diese Welt funktioniert, können sie aber aufgrund ihrer Stellung nicht verändern. Der Narr äußert dies in zynischen Weisheiten, die er laut aussprechen darf, weil er nicht handelt, sondern unterhält. Edmund dagegen handelt völlig humorlos, da gewaltvoll, muss dies aber verbergen. Beide brechen und verschieben also auf unterschiedliche Art und Weise die Regeln. Im Stück sind ihre Sphären noch getrennt. Doch in der heutigen Zeit ist der Narr längst zum politischen Protagonisten geworden. Er darf ruchlos handeln und dies schamlos und öffentlichkeitswirksam äußern. Gerade wer die beste Show liefert, am lautesten über Regeln lacht und diese bricht, Gesetze zu seinen Gunsten verändert und sich öffentlich »zum Narren« macht, ist ein König unserer Zeit. Wer realen Wahnsinn stiftet, steht oben, weil er unterhält. Edmund hat das verstanden, maskiert sich als Narr und gewinnt dadurch (vielleicht) die Krone.
In »König Lear« prallen nicht nur zwei Generationen, sondern auch zwei unterschiedliche gesellschaftliche Systeme aufeinander: das alte feudale und hierarchische System, vertreten durch Lear und Gloster, und ein neues, das auf das Recht der Stärke setzt, vertreten durch die jüngere Generation von Regan, Goneril oder Edmund. Inwiefern spielt das in deiner Inszenierung eine Rolle?
In dem Moment, wo Macht nicht mehr im Sinne der Gesellschaft aufgeteilt oder weitergegeben wird, ist sie an einen Personenkult gebunden und damit an persönliche Stärke. Und das bedeutet auch, dass die Machtübernahme schnell gewalttätig werden kann, wenn die Nachfolge nicht geregelt ist. Die Erbfolge ist dabei keine sinnvolle Lösung, denn sie ist ungerecht. Das formuliert am deutlichsten Edmund, der jüngere Sohn des Grafen Gloster, der als sogenannter »Bastard« vom Erbe ausgeschlossen ist. Wir schauen gemeinsam mit ihm zu Beginn des Stückes Lears Machtübergabe von außen zu. Er prangert die Ungerechtigkeit eines Systems an, das nur auf Geburtsrechten aufbaut. Das ist erst einmal fortschrittlich. Doch er setzt dem ein neoliberales Denken entgegen, folgt der Idee des »Survival of the Fittest«. Diese Überzeugung teilen auch Regan und Goneril. Gerade durch die praktizierte Ungerechtigkeit der Herrschenden und das Festhalten der älteren Generation an der Macht, sieht sich die jüngere aufgefordert, die Herrschaft mit allen Mitteln an sich zu reißen. Es findet ein Kampf statt: jeder gegen jeden. Der Egoismus und die Gewaltbereitschaft dieser Denkweise werden den Figuren jedoch zum Verhängnis: Es kommt zu regelrechten Gewaltexzessen und das Stück endet mit dem Tod fast aller beteiligten Figuren. Beide Systeme sind tyrannisch, wenn sie auf Gewalt beruhen und keine Kritik zulassen. Beide Systeme, das alte feudale und das neue frühkapitalistische, scheitern monumental. Das macht »König Lear« aus heutiger Sicht so dystopisch. Und Shakespeare zeigt uns nicht, wie eine mögliche Utopie aussehen könnte. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass es ein ganz anderes, zukunftsorientiertes, von Empathie getragenes Modell bräuchte. Als Theatermacher glaubt er dabei an die Kraft des Rollenwechsels und des Vorstellungsvermögens. Er überlässt es uns, eine Zukunft zu erdenken. Und wie Shakespeare glaube ich an die Kraft der Empathie.