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06.11.2026
Michael Jaeger

FAUSTS Mythos

Als Faustautor hat Goethe den Beginn unserer modernen Ära, ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Enttäuschungen und Errungenschaften, literarisch abgebildet und kommentiert. Die Arbeit am »Faust« zog sich über sechzig Jahre während seines gesamten Schriftstellerdaseins hin. Die ersten Szenen schreibt Goethe ab 1770 noch im Frankfurter Elternhaus. Die Vollendung des Gesamttextes gelingt ihm dann erst 1831 in seinem letzten Lebensjahr in Weimar. Während dieser Zeit zwischen 1770 und 1831 haben sich die Lebensverhältnisse in Europa auf revolutionäre Weise verändert. Die alteuropäische Welt verschwindet, und es beginnt mit der Französischen Revolution und mit der industriellen Revolution jene Epoche der Moderne, in der auch wir Heutigen noch leben.

Um das Drama der modernen Zeit in Szene zu setzen, greift Goethe zunächst auf die Legende vom Teufelsbündner Doktor Faust aus dem 16. Jahrhundert zurück. Dessen Geschichte vermag Goethe für seine Zwecke umzuschreiben, weil auch der Protagonist des alten Faustbuchs die Figur einer Umbruchszeit ist – nämlich der Wende vom ausgehenden Mittelalter zur beginnenden Neuzeit – und weil bereits der legendäre Faust den Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne verkörpert. Die Idee einer epochenübergreifenden Aktualität des Faustcharakters, die seiner Arbeit am Mythos vom Teufelspakt zugrunde liegt, spricht Goethe 1827 in prägnanten Worten aus:

»Fausts Charakter auf der Höhe, wohin die neue Ausbildung aus dem alten rohen Volksmärchen denselben hervorgehoben hat, stellt einen Mann dar, welcher, in den allgemeinen Erdeschranken sich ungeduldig und unbehaglich fühlend, den Besitz des höchsten Wissens, den Genuss der schönsten Güter für unzulänglich achtet, seine Sehnsucht auch nur im mindesten zu befriedigen, einen Geist welcher deshalb nach allen Seiten hin sich wendend immer unglücklicher zurückkehrt. Diese Gesinnung ist der modernen so analog, dass mehrere gute Köpfe die Lösung einer solchen Aufgabe [ein Faustdrama zu schreiben, M. J.] zu unternehmen sich gedrängt fanden.«

Die in dem von Goethe nachgezeichneten Psychogramm des legendären »Mannes« aufgezählten Aspekte wird man als Erscheinungsformen einer existenziellen Unruhe ansehen, die im Konflikt mit den Bedingungen des Daseins, den »allgemeinen Erdeschranken«, ihren Ursprung hat. Ungeduld, Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit heißen denn auch die ständigen Begleiter des vergeblich gegen sein irdisches Los Revoltierenden. Nichts genügt seinen Ansprüchen, der geistig-intellektuelle »Besitz des höchsten Wissens« nicht, der materielle »Genuss der schönsten Güter« auch nicht. Was auch immer er versucht, er mag sich »nach allen Seiten« wenden, endet stets mit der Enttäuschung seiner Sehnsucht nach dem Unbedingten und führt ihn zurück ins Unglück seiner eingeschränkten Existenz.
Im Zentrum von Goethes lebenslangem Unternehmen, Fausts Tragödie als Analogie der Moderne zu schreiben, stehen dann die Schilderungen der Ausbruchsversuche des Ungeduldigen aus den Schranken seines Daseins, jene Abenteuer also, die mit dem Wagnis der permanenten Grenzüberschreitung verbunden sind. Mit dem amerikanischen Soziologen Marshall Berman könnte man im Blick auf Goethes Faustdrama von der literarisch gestalteten paradoxen »Erfahrung der Modernität« sprechen. Denn gemeinsam mit den Menschen dieser Epoche ist auch der Protagonist der Goethe’schen Tragödie beflügelt

»von dem Willen, sich selbst und seine Welt zu verändern, zugleich aber getrieben durch die peinigende Angst vor dem Verlust der Orientierung sowie vor dem Zerfall der Realität und des Lebenszusammenhangs. Sie alle kennen den überwältigenden Reiz und den deprimierenden Schrecken einer Welt, in der sich alle festen Verhältnisse in Luft auflösen.«

Faust, so jene frühneuzeitliche Legende, der herkömmlichen akademischen Welt überdrüssig, beschwört den Teufel, mit dem er in Gestalt des Mephistopheles einen Pakt schließt. Vierundzwanzig Jahre soll Mephistopheles Fausts Diener sein und ihm helfen, die Grenzen der Erkenntnis und des gewöhnlichen Daseins zu überwinden, Mephistopheles soll Abenteuer und Weltreisen zum Vergnügen seines Herrn organisieren, soll Faust dann Helena, die schönste aller Frauen zuführen, ihm zur Hand gehen in den magischen Künsten, die wunderbaren Reichtum und schrankenlose Macht versprechen, ehe am Ende dieser Frist Faust von Mephistopheles erdrosselt wird und zur Hölle fährt, wo Fausts Seele dann ihrerseits Knecht im Reich des Teufels sein muss. In seinem Begehren, in neue Seinsbereiche vorzustoßen, zeigt sich der legendäre Doktor Faust als ein, wenn auch noch magisch operierender, Vertreter jener frühneuzeitlichen Pioniere, die zur gleichen Zeit die Grenzen der vertrauten Lebenswelt überwinden und in unbekannte Wissens- und Weltkontinente aufbrechen.

In Rücksicht auf den historischen Kontext der alten Faustlegende könnte man mit Nicholas Boyle vom »Mythos der Moderne« sprechen:

»In diesem Mythos geht es um die Definition der Moderne selbst, und wohl aus diesem Grund ist der Faustmythos in der frühmodernen Epoche entstanden. Die Geschichte Fausts ist die Geschichte eines Menschen, der sich bewusst und mit Vorsatz von seiner Vergangenheit trennt, von allem, was er bisher gelernt hat. Faust verwirft die Tradition zugunsten eines ihm versprochenen völlig Neuen.«