Gretchenfrage

Im Tumult der Gefühle, in den Margarete durch die Begegnung mit Faust und Mephisto gerissen wird, beharrt sie – in ihrer berühmten »Gretchenfrage« – nun ausgerechnet auf der Bedeutung der Religion, die sie als ein Sicherheitsversprechen begreift, das ihrer im Sturm der Affekte gefährdeten Persönlichkeit Stabilität bieten könnte. Wenn sich in der Bewusstseinsrevolution, die Faust und Mephisto in Margaretes kleiner Welt entfesseln, die überlieferten Bindungen auflösen, so will Margarete Faust doch auf etwas Unverletzliches oder gar Heiliges verpflichten, das außerhalb des verlockenden Gefühls- und Sinnenrausches liegt. Implizit sind Margaretes Fragen auf Mephistos materialistische Umwertung der Werte bezogen, da sie an einem Erfahrungsbereich festhalten, der die Körperwelt transzendiert.
Weshalb das Religionsgespräch eine markante Wendung nimmt, insofern Margarete Faust auf seine Verbindung mit Mephisto anspricht: »Der Mensch, den du da bei dir hast, ⁄ Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst ⁄ Aber, wie ich mich sehne dich zu schauen, ⁄ Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen«. Sieht Margarete doch »dem Menschen« einen fatalen Wesenszug an: »Es steht ihm an der Stirn geschrieben ⁄ Dass er nicht mag eine Seele lieben.« Nur im Doppelbild jedoch mit dem verhassten Menschen vermag Margarete den geliebten Faust zu schauen.
Obgleich der sich also von seinem Schattenmann Mephisto gar nicht lossagen kann, lässt sich Margarete auf die gemeinsame Nacht mit Faust ein. So wird auch ihr Drama zu einer Analogie der Moderne, da sich Margarete in diesem Moment bewusst von den Gesetzen und Konventionen ihrer Herkunft trennt und jene konkreten »Erdeschranken« überschreitet, die ihr auferlegt waren. Sie vollzieht diesen Bruch mit ihrem bisherigen Leben zugunsten eines für sie völlig neuen Existenzerlebnisses. Abweichend jedoch von Fausts Geschichte teilt Margarete nicht jene »moderne Gesinnung«, die dem ungeduldigen Mann »den Genuß der schönsten Güter für unzulänglich« erachten lässt und ihn unfähig macht, Befriedigung seiner Wünsche »auch nur im mindesten« zu erlangen. Umso drastischer wird Margarete dann allerdings von der widersprüchlichen Erfahrung der Modernität erfasst, von der berauschenden Erregung der Grenzüberschreitung und zugleich von der Angst vor einer Welt, in der sich alles Feste auflöst: eine paradoxe Erfahrung, die die verzweifelte Sehnsucht weckt, sich in dem großen Mahlstrom an etwas Realem – an einem anderen Menschen vor allem – festhalten zu können.
Als unentbehrlicher Gefährte, gleichsam eine stets virulente Disposition von Fausts Persönlichkeit darstellend, bleibt Mephisto bis zum bitteren Ende als furchterregende Dimension in der Geschichte von Faust und Margarete gegenwärtig. In der letzten Szene des Dramas versperrt schließlich Mephistos Anwesenheit Margarete endgültig den gemeinsamen Weg mit Faust hinaus aus dem Kerker ins Leben. Voller Entsetzen weicht sie zurück, da Mephisto unversehens in die Gefängniszelle tritt. Auf Mephisto starrend, beschwört sie Faust: »Der! der! Schick ihn fort! ⁄ Was will der an dem heiligen Ort? ⁄ Er will mich!«
Faust jedoch kann Mephisto gar nicht fortschicken, ist er doch an diesen Herrn der Negation seit dem fatalen Pakt gefesselt, nicht zuletzt bei seiner Unternehmung, Margarete aus dem Kerker zu befreien. Von seiner ersten Begegnung mit Margarete an hat Faust Mephisto immer schon bei sich. Daher ist Fausts Idealismus des Gefühls und der Freiheit auch nicht von Mephistos radikalem Materialismus zu trennen. Faust-Mephisto »will« Margarete in der Tat verschlingen, getrieben von seinem »Appetit« auf ihren Körper. Diese Sucht korrumpiert in Margaretes Wahrnehmung auch noch Fausts letzte flehentliche Bitte, sie möge mit ihm gemeinsam dem Kerker entfliehen. Jene Urteile über Fausts diabolischen Schattenmann, die Margarete schon im Religionsdisput ausgesprochen hat, fasst sie im letzten Satz, der in dem Drama von ihr zu hören ist, in einem Verdikt zusammen, das nun allerdings auf Faust selbst bezogen ist: »Heinrich! Mir graut’s vor dir.«
Michael Jaeger ist Privatdozent für Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin und als Gastprofessor an deutschen und internationalen Universitäten tätig. Er hat zahlreiche Goethe- und Fauststudien verfasst, darunter die beiden großen Monografien »Fausts Kolonie« (2004) und »Wanderers Verstummen (2014) sowie die beiden Essays »Global Player Faust« (2008) und »Salto mortale. Goethes Flucht nach Italien« (2018). Zuletzt erschien in der Reihe »C. H. Beck — Wissen« der Band Goethes »Faust. Das Drama der Moderne« (2021).
Der Text ist ein Originalbeitrag für das Programmheft der Koproduktion »Faust I« der Salzburger Festspiele mit dem Residenztheater.