Mein, mein ist die Schuld
Ein Brief von Heinrich von Kleist an Ernst von Pfuel


Du übst, du guter, lieber Junge, mit deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz aus, und ob ich dir gleich die ganze Einsicht in meinen Zustand selber gegeben habe, so rückst du mir doch zuweilen mein Bild so nahe vor die Seele, dass ich darüber, wie vor der neuesten Erscheinung von der Welt, zusammenfahre. Ich werde jener feierlichen Nacht niemals vergessen, da du mich in dem schlechtesten Loche von Frankreich auf eine wahrhaft erhabene Art, beinahe wie der Erzengel seinen gefallnen Bruder in der Messiade, ausgescholten hast.
Warum kann ich dich nicht mehr als meinen Meister verehren, o du, den ich immer noch über alles liebe? – Wie flogen wir vor einem Jahre einander, in Dresden, in die Arme! Wie öffnete sich die Welt unermesslich, gleich einer Rennbahn, vor unsern in der Begierde des Wettkampfs erzitternden Gemütern! Und nun liegen wir, übereinander gestürzt, mit unsern Blicken den Lauf zum Ziele vollendend, das uns nie so glänzend erschien, als jetzt, im Staube unsres Sturzes eingehüllt! Mein, mein ist die Schuld, ich habe dich verwickelt, ach, ich kann dir dies nicht so sagen, wie ich es empfinde.
– Was soll ich, liebster Pfuel, mit allen diesen Tränen anfangen? Ich mögte mir, zum Zeitvertreib, wie jener nackte König Richard, mit ihrem minutenweisen Falle eine Gruft aushöhlen, mich und dich und unsern unendlichen Schmerz darin zu versenken. So umarmen wir uns nicht wieder! So nicht, wenn wir einst, von unserm Sturze erholt, denn wovon heilte der Mensch nicht! einander, auf Krücken, wieder begegnen.
Damals liebten wir ineinander das Höchste in der Menschheit; denn wir liebten die ganze Ausbildung unsrer Naturen, ach! in ein Paar glücklichen Anlagen, die sich eben entwickelten. Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei dir schlafen können, du lieber Junge; so umarmte dich meine ganze Seele! Ich habe deinen schönen Leib oft, wenn du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet. Er könnte wirklich einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer gewesen wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen. Dein kleiner, krauser Kopf, einem feisten Halse aufgesetzt, zwei breite Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der Stärke, als ob du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus geblutet, nachgebildet wärest.
Man wird mich gewiss, und bald, und mit Gehalt anstellen, geh mit mir nach Ansbach, und lass uns der süßen Freundschaft genießen. Lass mich mit allen diesen Kämpfen etwas erworben haben, das mir das Leben wenigstens erträglich macht. Du hast in Leipzig mit mir geteilt, oder hast es doch gewollt, welches gleichviel ist; nimm von mir ein Gleiches an! Ich heirate niemals, sei du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel! Geh nicht weiter auf dem Wege, den du betreten hast. Wirf dich dem Schicksal nicht unter die Füße, es ist ungroßmütig, und zertritt dich. Lass es an einem Opfer genug sein. Erhalte dir die Ruinen deiner Seele, sie sollen uns ewig mit Lust an die romantische Zeit unsres Lebens erinnern. Und wenn dich einst ein guter Krieg ins Schlachtfeld ruft, deiner Heimat, so geh, man wird deinen Wert empfinden, wenn die Not drängt.
– Nimm meinen Vorschlag an. Wenn du dies nicht tust, so fühl ich, dass mich niemand auf der Welt liebt. Ich mögte dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Adieu. Mündlich ein Mehreres.
Heinrich von Kleist
Berlin, den 7. Januar 1805



