Zurück
12.12.2025
Nazanin Toufaninezhad

SALLY BOWLES ALIAS JEAN IRIS ROSS

Über den Ursprung der Figur «Sally Bowles»

Dass sich Christopher Isherwood mit seiner Figur des Clifford ein eigenes literarisches Denkmal setzte, ist kein Geheimnis. Auch die Frage, ob es für Sally Bowles ein reales Vorbild gibt, kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. Es handelt sich um Jean Iris Ross, die jedoch zeitlebens das Attribut der «echten Sally Bowles» ablehnte. Zwar trat auch die «echte Sally Bowles» elegant gekleidet mit einem schwarzen Stock mit silbernem Knauf auf den Bühnen zweitklassiger Berliner Kabaretts der Weimarer Republik auf, doch ihre Lebensgeschichte hatte weitaus größere Dimensionen.

Die Entertainerin und Aktivistin Jean Iris Ross um 1931 © Bar jeder Vernunft

 

Jean Iris Ross wurde 1911 in Ägypten als Tochter des Baumwollhändlers Charles Ross und seiner Frau Clara, Tochter
eines wohlhabenden Landbesitzers und Industriellen, geboren. Sie wuchs in England in einer liberalen Familie auf, war in der Schule eine Außenseiterin und wurde sogar nach einem vorgetäuschten Schwangerschaftsskandal von der Schule verwiesen. Ihre vermögende Familie ermöglichte ihr das Studium an der Royal Academy of Dramatic Art, das sie jedoch nach einem Jahr abbrach.

Um 1930 reiste sie nach Berlin, um Engagements zu finden, und arbeitete dort als Model und Kabarettsängerin. In Schöneberg wohnte sie in einem bescheidenen Zimmer in der Wohnung von Fräulein Meta Thurau, wo sie den englischen Schriftsteller Christopher Isherwood kennenlernte und zeitweise mit ihm zusammenlebte. Sie fand schnell Zugang zu Isherwoods männlichen Freundeskreis, zu dem auch politisch engagierte Dichter wie W. H. Auden und Stephen Spender gehörten. Als einzige Frau wurde sie in den Erinnerungen aller nahezu mythisch verklärt als: freiheitsliebend, furchtlos, unbefangen und bereit, mit gesellschaftlichen und moralischen Konventionen zu brechen. 1931 stellte sie fest, dass sie von dem jungen Kabarettpianisten Van Eyck schwanger war.

Isherwood übernahm die Vaterschaft, um ihr eine Abtreibung zu ermöglichen. Nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten 1933 kehrte Jean Ross nach Südengland zurück. In Chelsea blieb sie dem Freundeskreis von Isherwood treu und sympathisierte verstärkt mit linken politischen Kreisen. Sie trat der Communist Party of Great Britain bei und arbeitete zeitweise als Journalistin für den Daily Worker. Neben ihrer Arbeit an kleinen Londoner Bühnen öffneten Ross’ Kontakte Isherwood Türen zur britischen Filmbranche. Isherwood verschob aus Angst vor einer Verleumdungsklage die Veröffentlichung seines Romans «Goodybe to Berlin» bis Ross ihr Einverständnis gab. Öffentlich gestand er erst nach ihrem Tod, dass sie das Vorbild für Sally Bowles gewesen war. Allerdings hatte ihr Ex-Partner Claud Cockburn dies bereits zuvor publik gemacht.

Schriftsteller Christopher Isherwood (links) mit seinem Freund W. H. Auden (rechts), Bildnachweis: Carl Van Vechten - Van Vechten Collection at Library of Congress, Public Domain

Die Neugierde der Medien war Ross unangenehm. Ihre Tochter schrieb später: «Solche Interviews waren für beide Seiten ausnahmslos eine Enttäuschung. Die Journalisten wollten immer über Sex sprechen, und meine Mutter wollte immer über Politik sprechen.» Als Journalistin, engagierte politische Aktivistin und Filmkritikerin wollte sie ihr Image verständlicherweise nicht auf das der Sally Bowles reduzieren lassen. Dennoch entwickelte sich diese Figur zum ikonischen Rollenmodell der verführerischen «Femme Fatale» im Berlin der 1930er-Jahre, mit prägnantem Gesicht und smaragdgrünen Fingernägeln.

 

Szenenfoto aus «Cabaret»: Sally Bowles (Vassilissa Reznikoff) tanzt im Vordergrund in einem schwarzen Kleid. Hinter ihr stehen die Kit Kat Girls und Boys in Kostümen mit Federn; unter ihnen der Conferencier (Vincent Glander), der zu ihr blickt.

Während der Arbeit an seinem Roman wollte oder musste Isherwood seine Homosexualität verschweigen. Manche sahen darin den Grund, dass er Sally Bowles als seine sinnliche Geliebte auftreten ließ. Das Verwischen der Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion in Isherwoods autofiktionalem Schreiben betraf nicht nur Jean Ross und ihr literarisches Weiterleben. Viele Freunde jener Jahre scheinen in seinen Figuren durch. Aus diesem Grund liefert Isherwood in seiner Autobiografie von 1972 ein «Who’s Who». Für Sally / Jean wäre eine solche Liste jedoch kaum erforderlich gewesen.

Das könnte Ihnen auch gefallen