Zum Stück «Die Ärztin», Teil 3

Einige Anpassungen hat Robert Icke in der deutschsprachigen Version vorgenommen, wenn es um den Aspekt der rassistischen Diskriminierung geht. Während er sich in der englischen Version direkt auf den mit der Kolonialgeschichte verbundenen Rassismusdiskurs bezieht, verschiebt sich dieser Konflikt im Deutschen ins Feld der Diskriminierungssensibilität, der sprachlichen Achtsamkeit – und ins Herz einer hitzigen Debatte über politisch korrekte Sprache.
Aus dem Blickfeld gerät so leicht der Unterschied der Diskurse in beiden Ländern und der blinde Fleck in der deutschen Wahrnehmung, was die hiesige Kolonialvergangenheit betrifft: Während Großbritannien im Jahr 2021/22 einen nicht-weißen Bevölkerungsanteil von 17 % zählt, werden hierzulande Selbstidentifikationen von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in größeren sozialwissenschaftlichen Studien gar nicht erhoben. Bei den etwa 0,8 % der Bevölkerung mit afrikanischen Migrationshintergrund fehlen alle, die länger als zwei Generationen in Deutschland leben oder keine afrikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte befragte 2023 Schwarze Menschen in 13 Ländern zu ihren Erfahrungen von rassistischen Übergriffen und Gewalt sowie Diskriminierung bei der Jobsuche und in der Ausbildung. Im Vergleich schneidet Deutschland am schlechtesten ab, in allen Kategorien sind die Werte etwa doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt und fast die Hälfte der Befragten von Diskriminierung betroffen.
Arthur Schnitzler weigerte sich, sein Stück als tagesaktuelles Tendenzstück zu begreifen, er nannte es eine «Charakterkomödie». Auch wenn uns viele Schlagworte und Argumente aus dem Alltag, den Medien allzu bekannt vorkommen – und in den wenigen Jahren seit Entstehung des Stücks noch einmal vehementer umkämpft sind, gilt für Robert Ickes freie Bearbeitung letztlich das gleiche. Er lädt uns ein, Perspektiven zu überprüfen und einzelne Menschen als solche wahrzunehmen.