Zurück
23.01.2025
Ewald Palmetshofer

Verstehen in Differenz

Körper schreiben, für Körper schreiben - das heißt Sprache schreiben, die von Spieler*innen verkörpert und in Akte des Sprechens übersetzt wird. Mit dieser Aneignung der Sprache durch die Spielenden geht jedoch auch eine gegenläufige Bewegung einher. Etwas trennt die Sprache wiederum von ihrem Körper, etwas entzieht sich der Verkörperung oder übt eine Art Gegendruck aus. Dieses Etwas, diese Grenze oder Trennung, dieser Widerstand ist die Form - die Form der Sprache. Sprache wird verkörpert. Ihre Form aber übt einen Widerstand aus, ist die Gegenkraft der Sprache, die sie dem Körper entgegenhält. Form oder Geformtheit der Sprache ist eine Art künstlicher Überschuss, der über die bloße Kommunikation, den Austausch von Information, das Sprechen des Alltags, über die inhaltliche Ebene des Gesagten hinausgeht. Doch damit nicht genug: Form übersteigt und überwindet auch die Begrenzungen der Lokalisierung, des sozialen Ortes (also Milieu und Klasse), alle Wesenszuschreibungen oder Essenzialismen, die mit den Figuren bzw. Sprecher*innen scheinbar verbunden sind.

Die Form der Sprache lässt das scheinbar Partikulare der Figur zurück, übersteigt es. Der Text geht über die Figur hinaus, führt sie aus sich selbst heraus, weil er sie mit einem Element der Fremdheit qua Form belegt. Die Idee eines vermeintlich realistischen oder authentischen Sprechens wird so durch die Form der Sprache gestört, in Irritation versetzt, ihr wird ein Widerstand entgegengesetzt. Oder anders ausgedrückt: Die sprachliche Form fügt einen Zwischenraum, einen trennenden Abstand zwischen der Figur und ihrem Sprechen ein. Etwas an der Materialität des Gesprochenen ist hier nicht gänzlich assimilierbar, widersteht der Naturalisierung/ Normalisierung.

Der verkörperte Text und der Akt des Verkörperns selbst - beides geht von einer grundlegenden Kommunikabilität und also Übersetzbarkeit aus. Dass Erfahrungen trotz und in aller Differenz mitteilbar, in aller bloßen Annäherung kommunikabel sind. Theater ist nicht nur ein Raum der Kommunikation. Theater ist auch und vor allem ein Raum der Mit-Teilung von Kommunikabilität überhaupt: Sprache ist offen und geteilt, sie ist verstehbar und ihr Plural - also lokale, subjektive oder kollektive Sprachen (auch im identitätspolitischen Sinn) - ist bzw. sind übersetzbar. Singuläre oder subjektive Erfahrungen können qua Text in Körper genommen werden und genauso aus Körpern wieder veräußerlicht werden. Was jemand sagt, IST verstehbar, Erfahrungen SIND mit-teilbar. Und ja, es bleibt ein Rest, der weder im Text noch in dessen Verkörperungen, der in keiner Form der Kommunikation gänzlich aufgeht, ein Rest, der sich der Mitteilung entzieht. Der Schmerz über diesen Rest ist unaussprechlich. Aber trotzdem spricht jemand. Immer wieder. Versuchsweise. Allein oder mit anderen. Damit das Schweigen nicht das letzte Wort behält. Theater ist die politische Wette darauf, dass Sprache übermittelbar, Welterfahrung übersetzbar, Aussagen verstehbar sind. Damit fügt es zumindest ein kleines, störendes Moment in die Idee authentischer Rede ein. So authentisch ein Sprechen auch sein mag - es ist doch auf die Übersetzbarkeit, den Transfer hin zu anderen angewiesen, um nicht auf sich selbst bezogen zu bleiben.

Sprechen setzt sich der Fremdheit, der Alterität der anderen aus. Sprechen dient nicht nur der Selbstauskunft, ist suchend adressiert und ist - unter bestimmten Voraussetzungen, in bestimmten Situationen - eine Arbeit an der Versammlung möglicher Alliierter. Letztlich müssen wir von der Mitteilbarkeit unserer Erfahrungen ausgehen, um darüber demokratische Mehrheiten zu sammeln - wir sind auf die Verstehbarkeit, auf ein Verstehen in Differenz durch andere, die unsere Erfahrungen nicht kennen, angewiesen.

 

Der Text «Verstehen in Differenz» von Ewald Palmetshofer ist ein Auszug aus dem Buch «Körper. Schreiben. Theater, Affekt und Berührungen der Sprache», das 2024 im Alexander Verlag Berlin, erschienen ist.