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08.05.2008
Katrin Michaels

Vorher / Nachher

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb der Wiener Schriftsteller Arthur Schnitzler, gerade Ende 30 und Shootingstar der Literatur- und Theaterszene, eine Szenenfolge, die er selbst »als vollkommen undruckbar» ansah, als literarisch unbedeutend, die «aber nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten würde.«

Im Jahr 1900 ließ er 200 Exemplare drucken, um sie an Freund*innen zu verschenken, 1903 wurde das Stück »Reigen« erstmals veröffentlicht, im Jahr darauf wurde der Bestseller in Deutschland verboten. Fast zwanzig Jahre dauerte es bis zur offiziellen Uraufführung. Doch die Inszenierungen Anfang der 1920er-Jahre waren so skandalumwittert, dass Schnitzler selbst ein Aufführungsverbot verhängte, das erst 1982 von seinem Sohn aufgehoben wurde. Toben und Brüllen im Zuschauerraum, Bänke, Stühle und Stinkbomben flogen Richtung Bühne, das Berliner Schauspielhaus wurde wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht gestellt (und freigesprochen).

Worin bestand der Skandal? In zehn Szenen treffen Figuren quer durch die gesellschaftlichen Schichten in unverhohlen sexueller Absicht aufeinander, ein langer Gedankenstrich teilt die Szenen in Vorher und Nachher, aus den Dialogen geht ziemlich klar hervor, was währenddessen hinter dem herabgelassenen Bühnenvorhang passiert. Heute würden viele der Szenen in die Kategorie Nötigung fallen und doch war es damals gerade die Sittlichkeit der dargestellten Frauen, die die öffentliche Debatte besonders erregte. Auch wenn sie sich persönlich erst Jahre nach Niederschrift des »Reigen« kennenlernten, erscheinen Schnitzlers Männer als Verkörperungen von Freuds Lustprinzip, dessen Theorien damals ähnlich skandalös diskutiert wurden.

Anja Hilling, die den »Reigen» im Auftrag des Residenztheaters neu bearbeitet hat, versucht gar nicht erst, diese vordergründige Handlung des Stücks ins Heute zu übersetzen. Sie knüpft vielmehr an das an, als was Schnitzler das Stück selbst sah: eine «melancholische Variation über die Unzulänglichkeit des Menschen und seine Gefühle». Wie in vielen ihrer Stücke lotet die Autorin, die in München aufgewachsen ist und heute in Berlin lebt, den fragilen Raum der Identitätskonstruktion aus, in dem sich nicht nur zwischen den Menschen, sondern schon im eigenen Selbst zwischen Gedanken, Gefühlen und Körper Abgründe auftun. Wie viel diese Selbstvergewisserung mit sozialer Position und materiellen Privilegien zu tun hat, steht im Zentrum ihres «Reigen». «Erotik ist in diesem Spiel nicht als körperlicher Reflex zu verstehen,» schreibt sie im Vorwort, «sondern als Mittel, das Verständnis von sich selbst in Frage zu stellen und gesellschaftliche Grenzen einzureißen.«

Bei Hilling sind es fünf Figuren, die die gesellschaftliche Hierarchie abstecken und sich zunächst jeweils zu zweit nicht im Wiener Prater, sondern im Englischen Garten begegnen. Wie bei Schnitzler erzählt das Stück 24 Stunden im Zeitraffer, zu deren Beginn eine Open-Air-Party in vollem Gange ist. Mehr oder weniger aus Zufall treffen sie aufeinander und stellen fest, was sie zu trennen scheint: die falschen Schuhe, die falsche sexuelle Orientierung, der falsche Moment, um sich Zeit zu nehmen für einen anderen Menschen. 

Die leise nagenden Unzufriedenheiten, materiellen Zwänge und unüberbrückbar scheinenden Gegensätze werden von etwas eingeholt, das auch Hillings Stück in Vorher und Nachher teilt und so für Schnitzlers Gedankenstrich stehen könnte: Die Natur übernimmt das Ruder, die Wolken tanzen einen tosenden Reigen, ein Tornado verwüstet den Park. Im Sturm, in der Begegnung mit den Elemen­ten, sind alle auf sich selbst zurückgeworfen. Erinnerungsfetzen jagen vorbei, während sie Auge in Auge mit dem Starkwetterereignis revidiert werden. Hilling nennt das »Begegnung mit sich selbst« – und doch formt sich hier ein kollektives Bewusstsein, das auf die Welt schaut, statt um sich selbst zu kreisen.

»Unser Aufeinandertreffen gleicht einer Musik, die die Begegnung zweier absolut unpassender Töne möglich macht», sagt Hilling und bezieht sich auf John Cages Zufallskompositionen, mit denen der Komponist tradierte Binaritäten auflösen und sich vom eigenen Wollen befreien wollte. «Man könnte auch sagen, dass ich erkannte, dass alles verbunden ist. Wir müssen Beziehungen gar nicht erst herstellen«, schrieb er.

In der Inszenierung von Ran Chai Bar-zvi ist die Referenz auf Schnitzlers »Reigen« deutlicher als in Hillings Stück. Er sucht in den Texten gezielt nach sexuellen Spannungen und stellt die Typisierung der Figuren in den Vordergrund. Ansgar Prüwer spielt in seinem Raum mit dem Theatervorhang, der inzwischen durchscheinend geworden ist. Marilena Bülds Kostüme tragen historische Referenzen und stellen die Figuren in einen Kunstraum zwischen Gestern und Heute.

Ob die gut hundert Jahre seit seiner Entstehung ausreichen, dass der »Reigen« unsere Kultur eigentümlich zu beleuchten vermag, liegt wie immer in den Augen der Betrachter*innen.