Die Utopie eines neuen Miteinanders
Die Autorin Anja Hilling im Gespräch mit Katrin Michaels
Arthur Schnitzler sagte über sein Stück »Reigen«, dass es literarisch unbedeutend sei, »aber nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten würde.« Was war gut hundert Jahre später dein Eindruck beim Lesen? Was hat dein Interesse geweckt es zu bearbeiten?
Mich hat erstmal der Skandal interessiert, das Verbotene. Was ist es heute? Ich glaube nicht, dass es der Sex ist, auch nicht der untreue. Auch nicht das Reden drüber, davor und danach. Da ist viel passiert in der Zwischenzeit.
Ich glaube das Skandalöse unserer Gegenwart ist die Einsamkeit. Sie ist unmöglich geworden und breitet sich aus. Obwohl wir einander kaum Ruhe lassen, wird die Entfernung zwischen uns größer und größer. Wir sind weit gekommen in der Kunst, nebeneinander zu sein, zu existieren, zu fühlen auf engstem Raum (in einer Wohnung, einer Großstadt, einem Gespräch usw.), ohne uns verletzlich, angreifbar zu machen. Wir können einander ja sogar berühren, ohne aufzuhören, allein zu sein.
Hier, bei der Berührung, liegt schon eine »eigentümliche« Verbindung zu Schnitzlers »Reigen«. Die Sehnsucht nach einem existentiellen Kontakt. Das Stück gut hundert Jahre später ist aber nicht nur utopischer. Die Utopie eines neuen Miteinanders ist sogar das, was ich den Atem des Stücks nennen würde.
Es geht um die Magie von Begegnungen. Die Möglichkeiten des Moments, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen. Das Erschrecken, der Reflex, zu entkommen, der Mut, zu bleiben. Ich glaube, dass in jeder Begegnung, wirklich jeder, das Potential einer Veränderung liegt. Und dass es an der Zeit ist, das wahrzunehmen.
Bei Schnitzler sind die Figuren nach gesellschaftlichen Rollen benannt – z.B. die Dirne, der Soldat, das Stubenmädchen, der Ehegatte, der Dichter und der Graf. Du hast die Figuren zusätzlich mit Namen und biografischen Details ausgestattet. In wie weit stehen sie für dich noch für typische gesellschaftliche Positionen? Oder greift dieses Schema heute gar nicht mehr?
Unausweichlich, hier, in unserer Gegenwart, finde ich die soziale Frage. Es ist so angenehm wie langweilig, sich nur in der eigenen Klasse zu begegnen. Schnitzlers Figuren vermessen die Gesellschaft von oben nach unten, und ich habe den »Reigen« immer so gelesen, dass Erotik als Instrument von Macht und Entmachtung funktioniert. »Reigen. Variationen« setzt das »Mittel« der Erotik nicht ein, um die Figuren in sexuelle Situationen zu bringen (die Gedankenstrich-Nummer), sondern um jede Form von Zugehörigkeit zu hinterfragen.
Was das Typische, das Individuelle angeht … bei den Figuren in »Reigen. Variationen« haben mich beide Seiten interessiert. Auf der einen Seite das Offensichtliche, das Bild, das sie verkörpern, verteidigen, der Beruf, den sie ausüben, die Schicht, die sie vertreten, die Kleidung dazu, die Gesichter, die Sprache, der Humor. Auf der anderen Seite das, was sie speziell macht, unergründlich, unvorhersehbar, die Dunkelheiten ihrer Psyche, ihres Körpers, seiner Spontaneität, die Möglichkeit, völlig anders zu reagieren, als sie erwarten, gewohnt sind, wo sie Worte aus dem eigenen Mund hören, die ihnen neu sind, sie entrücken können von sich selbst.
Ich glaube, dass es gefährlich ist und schön, diese beiden Seiten in uns kollidieren zu lassen. Und dass die Kollision die Begegnung mit einem anderen Menschen braucht.
In deinem Stück gibt es eine Rolle, die in der Besetzung erstmal nicht auftaucht, doch im Verlauf des Stücks immer mehr die Handlung bestimmt: der Park. Auch wenn er keinen Namen trägt, kennen wir einige Bezugspunkte aus München. Was ist dieser Ort für dich?
Der Park trägt wie die Figuren auch zwei Seiten in sich, er ist Natur und Stadt, offen und begrenzt, dunkel und gepflegt. Das Stück versucht, den Park von seiner Selbstverständlichkeit zu befreien. Zunächst Hintergrund, einfach da, der Ort, wo man halt grad ist, arbeiten, feiern, durchlaufen wollte, wird der Park, seine Vegetation, Geräusche immer deutlicher, bis er schließlich nicht mehr rauszuhalten ist aus den Figuren, Teil von ihnen geworden ist.
Der Sturm, der in der Mitte des Stücks liegt (und die Begegnungen doch in ein »Davor« und ein »Danach« teilt) zerstört den Park und setzt ihn frei. Klar kann man das auch auf die Figuren übertragen. Der Park aber ist zusätzlich Vermittler der Katastrophe, gibt ihr eine Stimme. Jetzt, nach dem Sturm in ihm zu sein, zu bleiben, heißt zuzugeben: Der Ort hatte immer mehr Wildnis, als man wahrhaben wollte.
Und München … ich bin hier großgeworden, bei meiner Mutter, hab zwanzig Jahre in der Stadt gelebt. Der Park in dem Stück kann überall sein, aber es kann auch der Englische Garten sein. Ich kenn ihn von früher, hab Nachmittage hier verbracht, auch Nächte, war allein hier, mit anderen, man kann sich verirren hier, Ecken finden, die man noch nicht kannte, die was Mysteriöses haben, ein Geheimnis, mitten in der Stadt.
Der Zufall spielt gleich in mehrerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Was fasziniert dich an diesem Phänomen?
Tatsächlich haben die musikalischen Experimente von John Cage, die er mit dem Zufall unternahm, mich überhaupt darauf gebracht, dieses Stück zu schreiben. Cage hat gesagt, dass er an den Zufall glaubt als etwas, das dem Menschen zu-fällt. Den Gedanken finde ich wahnsinnig schön. Dann kam der »Reigen«. Oder auch einfach die Idee von einer Komposition, in der Menschen zusammenkommen, die offensichtlich nicht zusammengehören, nachts, in einem Park, wo sie etwas erleben, miteinander und mit dem Ort, das sie erschrecken und versöhnen wird.



