Zum Stück «Die Ärztin», Teil 2

Was bei der Übersetzung ins Deutsche verloren geht, ist der geschlechtsneutrale Titel des Stücks: «The Doctor» zeigt nicht an, ob die Hauptfigur männlich oder weiblich ist und führt so direkt ins Spiel mit Identitätszuschreibungen, das Robert Icke in seiner Adaption entwickelt. Er bezieht sich dabei auf aktuelle Debatten von Chancengleichheit und Diskriminierung, gleicht Inhalte des Stücks aber nicht durchgehend an die Gegenwart und den Spielort an.
In welchem Bezug die Verteilungsdebatten im Stück zur gegenwärtigen Realität stehen – nämlich keiner direkten –, verdeutlichen einige Zahlen: In Schnitzlers Gegenwart in Österreich am Anfang des 20. Jahrhunderts stellten Katholik*innen mit etwa 79 % die große Mehrheit der Bevölkerung, der Anteil von Jüd*innen lag bei etwa 5 %. Im Arztberuf sah es ganz anders aus: Dort lag der Anteil von Jüd*innen – bedingt durch das tradierte Ausbildungsverbot für zahlreiche andere Berufe – bei etwa 50 %. Im heutigen Großbritannien hingegen stehen rund 10 % Katholik*innen rund 0,5 % Jüd*innen gegenüber, in Bayern rund 49 % Katholik*innen rund 0,1 % Jüd*innen. Die Debatte im Stück, die sich um die Repräsentation der Konfessionen im Klinikkollegium dreht, wo von einer jüdischen Mehrheit, einer Elite die Rede ist, stammt also aus dem vorigen Jahrhundert – auch wenn sie Ideologien und Ressentiments Ausdruck verleiht, die uns auch heute hinlänglich bekannt sind.
Wenn ich ein Mann wäre, würdest du die Sache anders handhaben?
Nichtdestotrotz hat der Begriff der Elite in Großbritannien eine andere Bedeutung: «Großbritannien ist die am meisten klassenbesessene Gesellschaft unter der Sonne», schrieb der britische Schriftsteller George Orwell 1940. Und auch wenn seitdem Standesgrenzen durchlässiger geworden sind, hat die Unterteilung in Upper- und Lowerclass, die Bedeutung von Privatschulen und Adelstiteln eine größere Bindungskraft als etwa bei uns. Auch die Stellung eines privaten medizinischen Instituts gegenüber einem seit Jahren erodierenden Gesundheitssystem, dem National Health Service, dessen Versorgungslage zunehmend prekär ist, findet einen andere Resonanz.