Zwei Norweger in München
Dramaturgin Almut Wagner über den Schriftsteller Henrik Ibsen und den Regisseur Johannes Holmen Dahl.

«In München ist so gut zu arbeiten. Es hat die schöne künstlerische Stille, und doch kommt hier die ganze Welt vorüber», soll Henrik Ibsen über seine bayerische Wahlheimat gesagt haben. Zwei Mal ließ er sich für mehrere Jahre hier nieder: Von 1875 bis 1880 wohnte er gemeinsam mit seiner Frau Susanna und dem Sohn Sigurd zuerst in der Schönfeldstraße 17 und dann in der Schellingstraße 30 (später Nummer 53), von 1885 bis 1891 bezog er eine Wohnung in der Maximilianstraße 32.
Der Dichter, stets auffallend elegant gekleidet, schloss schnell mit der Stadtgesellschaft Bekanntschaft. Zum Beispiel mit Paul Heyse, in dessen Dichtergesellschaft «Krokodil» Ibsen den Residenztheater-Dramaturgen Franz Grandaur kennenlernte. Dieser sorgte dafür, dass einige Werke Ibsens am Residenztheater in der Intendanz von Carl von Perfall die deutsche Erstaufführung erlebten, so etwa «Hedda Gabler».
Kurz nachdem Ibsen nach Norwegen zurückgekehrt war, übernahm Ernst Possart die Intendanz und beendete die Phase der Öffnung des Hauses hin zum zeitgenössischen Drama. Doch Ibsens Werk blieb in München präsent und wurde nun auf anderen Bühnen gezeigt – u.a. im Volkstheater und im Deutschen Theater. «Die Wildente» wurde in München erstmals 1895 von Studierenden im «Akademisch-Dramatischen Verein» in einer geschlossenen Aufführung gezeigt, mit dem jungen Thomas Mann in der Rolle des Konsul Werle. Erst 1898, dreizehn Jahre nach der Uraufführung in Bergen, hatte das Stück am damals neuen Schauspielhaus seine offizielle Münchner Premiere.

Seinem dänischen Verleger schrieb Ibsen vor der Veröffentlichung: «Dieses Stück handelt nicht von politischen, sozialen oder überhaupt öffentlichen Angelegenheiten. Es bewegt sich ganz und gar auf dem Gebiet des Familienlebens. Diskussionen wird es sicherlich hervorrufen können, aber es wird keinen Anstoß erregen.»
Der Regisseur Johannes Holmen Dahl, ebenfalls Norweger, sieht das über hundert Jahre später anders als der Autor selbst: «Der Hintergrund des Stücks ist die sich auflösende Mittelklasse, die bis dahin als das stabilisierende Element galt. Die Familie Ekdal ist abgestiegen und kann sich nur durch die Gnade des Kapitalisten Werle über Wasser halten.»
Die Erfahrung, gesellschaftlich abzusteigen, hatte Ibsen selbst gemacht. Sein Vater verlor sein Vermögen und der junge Ibsen wurde gezwungen, bereits im Alter von 15 Jahren einen Beruf zu erlernen; er lebte als Gehilfe eines alkoholabhängigen Apothekers unter prekären Verhältnissen bevor er seine große Karriere am Theater machte.
Johannes Holmen Dahl sieht in Ibsens Werk Fragen nach Abhängigkeit und Freiheiten, die den familiären Rahmen übersteigen. Das Stück endet mit dem Tod eines unschuldigen vierzehnjährigen Mädchens. Ist dieses tragische Ende wirklich nur als Resultat eines individuellen Scheiterns der Familien Werle und Ekdal zu lesen?

Für Holmen Dahl ist Hedwig – so hieß im übrigen Ibsens geliebte Schwester – die wichtigste Figur im Stück: «Sie lebt in einer dysfunktionalen Familie, ständig übersehen von den Erwachsenen, die von ihrem eigenen Leben überfordert sind und ihren Egoismus ausleben. Mit ihrem Tod opfert sie sich, egal ob instinktiv oder ganz bewusst. Ich sehe hier Parallelen zur heutigen jungen Generation, die von den multiplen Krisen unserer Gegenwart direkt betroffen ist. Es ist Hedwig ein großes Anliegen, sich um die Natur – verkörpert in ihrer Wildente – zu kümmern, aber auch Vater und Großvater erheben Ansprüche auf das Tier. Die Gleichgültigkeit der Erwachsenen dem Kind gegenüber symbolisiert unser aller Ignoranz der Zukunft unseres Planeten gegenüber. Das gilt für uns alle und geht weit über die individuelle Familienkatastrophe hinaus.»
133 Jahre nachdem Ibsen München endgültig verlassen hat, kann «Die Wildente» heute als ein Stück der Stunde gelesen werden. Johannes Holmen Dahl selbst hat es für sein Deutschlanddebüt im Cuvilliéstheater ausgewählt, denn für ihn steht fest: «Ibsen hat vielleicht nicht bewusst ein politisches Stück geschrieben, aber es ist politischer als man vielleicht beim ersten Lesen denkt.»



