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14.06.2025
Michael Billenkamp

Zum neuen Brandner am Resi

«DO WAAR I WIEDA AMOI» - Über die Entstehungsgeschichte des «Brandner Kaspar»

«Wenn Alles schö’ staad is und still in der Nacht
Und i’ aus’n Fenster die Stern’ so betracht’,
So denk’ i’ mir oft und sag’ ma: ha mei’,
Wie wird’s wohl da droben im Himmi sey’!»

Die erste Strophe aus Franz von Kobells Gedicht «Gedank’n» (1843) könnte ebenso gut Teil seiner berühmt gewordenen Erzählung «Die G’schicht vom Brandner Kasper» sein.

Bei Kobell heißt der Schlosser vom Tegernsee noch Kasper, erst später wurde er zum Kaspar – der Name stammt von dem lateinischen Casparus, einem der drei Heiligen Könige. So sollte auch eine Verwechslung mit dem Kasperl, der Ende des 18. Jahrhunderts als Hanswurst aus dem Wiener Volkstheater heraus hervorging, vermieden werden. Denn Kobells Brandner ist alles andere als ein «Kasper» oder Hanswurst. In Bayern gibt es für einen Charakter wie ihn eine eigene Bezeichnung: «Ohdrahter». Was sich wie ein Schimpfwort anhört, ist eher als Kompliment zu verstehen; ein «Ohdrahter» ist raffiniert, schlau, unangepasst und mit allen Wassern gewaschen. Jemand, der nach seinen eigenen Regeln lebt. Einer, der gerne vorher weiß, worauf er sich einlässt. Und genau das ist Kobells Brandner. Sterben ohne vorher zu wissen, was danach kommt, dass will er auf keinen Fall. Ein frommer Wunsch könnte man meinen, denn wer wüsste nicht gerne, was nach dem Tod kommt!

Für Franz von Kobell stand fest, dass da «etwas» kommt. Und der 1803 in München geborenen Professor für Mineralogie, passionierten Jäger, Pionier der Fotografie – von ihm stammt die erste, in Deutschland angefertigte Fotografie, ein Bild von der Münchner Frauenkirche aus dem Jahr 1837 – sowie Dialekt- und Heimatdichter machte daraus eine Geschichte.

Eine Inspiration dafür lieferte ihm wohl die Dichtung «Trumpf aus!» (1838) von Ludwig Bechstein, die von Kobells engem Freund Franz von Pocci illustriert wurde. In dieser Geschichte spielt ein junger Mann mit dem Tod um sein Leben Karten. Anders als bei Bechstein sollte es bei Kobell aber nicht so düster und moralisch zugehen. Er hatte etwas Humorvolles im Sinn, denn er wollte mit seiner Geschichte den Leuten in den Zeiten des 1870er Krieges die Angst vor dem Tod nehmen – soweit das mit einer Erzählung überhaupt möglich ist. Bei ihm sollte der Sensenmann beim Kartenspielen nicht gewinnen. Das Problem war nur, dass sich der Tod auch von dem Naturforscher Kobell nicht besiegen ließ – aber vielleicht könnte man ihn ja bei Gelegenheit bescheißen?

Für einen Jäger und Naturliebhaber wie Kobell, der das einfache bäuerliche Leben kannte und liebte, hatte der Tod wenig Abschreckendes. Darum siedelte er seine Geschichte genau in diesem Milieu an. Seine Leserschaft sollte sich mit seiner Hauptfigur identifizieren können, sein Brandner sollte einer von ihnen sein. Ein einfacher Handwerker, natur- und heimatverbunden, der zu Lebzeiten mit Sicherheit kein Heiliger war, aber auch keiner, der sich seinen Platz in der Hölle redlich verdient hätte. Es fehlte nur noch das passende Gegenüber: der leibhaftige Tod. Kobell nennt ihn etwas respektlos «Boanlkramer». Bei ihm ist die Figur weit entfernt von den furchteinflößenden Sensenmann-Darstellungen aus dem Mittelalter oder dem antiken Totengott Thanatos. Sein «Knochenhändler» verliert nach seinem ersten Auftritt schnell alles Einschüchternde und wird eigentlich mit jedem Besuch sympathischer. Es ist ein zutiefst menschlicher Tod, mit leichtem Hang zu Hochprozentigen. Kobell fand das Vorbild für seine Figur wohl im bäuerlichen Alltagsleben, als Viehhändler und Hochzeitlader in die Bauernstube kamen, um ihre Geschäfte zu machen. Schließlich macht auch der Brandner ein Geschäft mit ihm – dazu kein schlechtes!

«Die G’schicht vom Brandner Kasper» erschien 1871 zusammen mit den Illustrationen Franz von Poccis in den «Fliegenden Blättern», einer humoristischen deutschen Wochenschrift, für die unter anderem auch Wilhelm Busch und Carl Spitzweg arbeiteten. Die kurze Erzählung wurde rasch zur Erfolgsgeschichte und entwickelte sich in der Folge zu einem, wenn nicht sogar dem bayerischen Klassiker.

Die erste Theateradaption von Kobells Vorlage zu einem Volksstück verfasste der Dialektdichter Joseph Maria Lutz mit «Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies» (1934). Dabei, so schrieb Lutz in seinem Vorwort zum Stück, kam es ihm «nicht auf überhitzte, dramatische Knalleffekte und nicht auf Dorfdeppen-Komik an, sondern auf echte Gemütstiefe als Ausgangspunkt zum Tragischen und zum Heiteren.» Er wollte dem Genre des Volksstücks seine Ernsthaftigkeit zurückgeben, wofür ihm der «Brandner» als idealer Stoff erschien. Und er sollte Recht behalten: Seine nicht in Bayern, sondern in Dresden uraufgeführte Adaption wurde über Jahrzehnte erfolgreich gespielt, bis sie 1974 von Kurt Wilhelms legendärem «Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben» abgelöst wurde. Wilhelm, der ein Ururgroßneffe von Franz von Kobell war, bearbeitete den Stoff eigens für das Residenztheater, wo es am 5. Januar 1975 uraufgeführt wurde. Mehr als tausendmal wurde die Komödie, wie sie im Untertitel bei Wilhelm heißt, am Residenztheater gespielt, ehe sie 2001 von Dieter Dorn abgesetzt wurde.

Jetzt, gut 50 Jahre nach der Uraufführung und knapp 25 Jahre nach der Dernière, kommt wieder ein «Brandner Kaspar» ans Residenztheater. «Do waar i wieda amoi», lautet darum auch ganz in diesem Sinne der erste Satz von Franz Xaver Kroetz’ Boanlkramer in seiner Neuschreibung «Gschichtn vom Brandner Kaspar». Auch Kroetz nimmt den Stoff ernst, nennt ihn wie Lutz ein Volksstück, und orientiert sich an Kobells Vorlage, weshalb dieser auch in diesem Programmheft vollständig abgedruckt ist.

Kroetz schreibt, bei ihm gehe es «um Berge, Dialekt und Glauben – nur wer glaubt, kann den Tod so leibhaftig sehen». Und weiter, sein «Brandner» sei «kein feingliedriges Kunst-Stück, sondern ein saftiges Volks-Stück in einem verglühten Oberbayrisch aus der analogen, nicht digitalen Welt», ein «zartes Geflecht aus ländlich-idyllisch, süddeutsch-barock, grausam und lustig.»

Genau wie Wilhelm 1974, holt auch Kroetz den Stoff sanft in unsere Gegenwart. Im Zentrum steht bei ihm Brandners Familie oder das was von ihr übriggeblieben ist: Seine Frau Bärbel ist schon lange tot, seine Tochter Rosl hat ihn bereits vor Jahren verlassen, sodass ihm nur noch seine Enkelin geblieben ist, das Seferl. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist kompliziert, das zur Enkelin mit Selbstvorwürfen belastet, denn er glaubt, ihr als alter Mann in ihrem Leben nur noch im Weg zu stehen. In diesem engen Beziehungsdreieck erzählt Kroetz seinen Brandner, ganz persönlich und sehr direkt, was die zeitlosen Themen dieses Stoffes noch gegenwärtiger macht: Die Angst vor dem Tod, die Einsamkeit im Alter, das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, für die eigene Familie nur noch eine Last zu sein oder einfach nur blind für das zu sein, worauf es im Leben wirklich ankommt. Oder um es mit der letzten Strophe von Franz von Kobells eingangs zitierten Gedichts zu sagen:


«Ja ja, es is bsunders dees Leben dahier,
Daß oana gern da waar, was kann er dafür,
Und do’ muß er furt, muß gar gschwindi’ dahi’,
Oft wunderts’s mi’, daß i’ so lusti’ bi’!»