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06.02.2026
Till Briegleb

Das Drehbuch der Geschichte

über Albert Ostermeiers «Munich Machine»

1954 veröffentlichte der südafrikanische Anthropologe Max Gluckmann eine bahnbrechende Studie über «Rituale der Rebellion». Er beschrieb bei zahlreichen afrikanischen Gemeinschaften explosive Feierlichkeiten, bei denen die Welt auf den Kopf gestellt wurde. Der König musste sich in einer bestimmten Periode des Jahres nackt beschimpfen und demütigen lassen, Frauen übernahmen die Macht und verprügelten die Krieger des Stammes, Obszönitäten und sexuelle Tabubrüche galten ein paar Tage lang als Normalität, Wut und Hass durften sich offen artikulieren. Doch nach Abschluss dieser rituellen Ausbrüche des vertauschten Status kehrten alle zurück in ihre angestammte Rolle, nichts wurde übelgenommen, und das System war stabiler als zuvor.

In Albert Ostermaiers neuem Stück «Munich Machine», seiner zehnten Uraufführung am Residenztheater, ist der An-thropologe eine künstliche Intelligenz, die von einem fernen Planeten gesendet wurde. Diese anthropomorphe Erkenntnissonde landet mit einem Weißwurst-UFO vor der bayrischen Staatskanzlei, um in der Geschichte des Freistaats nach «Utopien» zu suchen, nach dem was fehlt zum Glück. Dabei gerät sie als Fremdenführer ausgerechnet an einen sentimentalen Narren und seine feministische Muse, und dass – in der Inszenierung von Ersan Mondtag – genau zu dem Zeitpunkt, als München sein eigenes Ritual der Rebellion durchläuft: den Fasching.

Denn was der nackte König für das Volk der Zulus war, die Exzesse der Frauen an den Thesmophorien im antiken Athen oder das aggressive Farbewerfen im Holi-Fest Indiens, das ist für den katholischen Demutsstaat der Karneval. Das Zepter wird an die Narren überreicht, damit sie sich austoben. Sie dürfen sagen, was sie heimlich denken, die Fesseln des Anstands abstreifen und sich hinter Masken und Verkleidungen phantastische Rollen anmaßen, vom Märchenkönig bis zum Revolutionär. Die Welt steht Kopf, die Utopie auf Zeit wird zur großen Party. Dabei schlüpfen die Geister der Vergangenheit aus der Tiefkühltruhe der Geschichte und verkörpern sich neu im Tanz zu euphorischer Musik, die von DJ Hell und Beni Brachtel komponiert wurde.

Die Welt dieser Zeitreise ist ein großes anatomisches Theater, wo die Träume von radikaler Veränderung genauso seziert werden, wie Schwabing als Brutstätte Münchner Nervosität. Hier treffen sich die historischen Kostümleichen aus 200 Jahren als Zeugen der Umbrüche. Lenin, Hitler, Brecht und Strauß saufen im Schelling-Salon und entwerfen im enthemmenden Bierdunst extrem unterschiedliche Visionen von Sozialismus: von national über proletarial zu christlich-sozial. Adele Spitzeder, die Erfinderin einer weiblichen Zinslogik im 19. Jahrhundert, ruft den Frauenfreistaat aus, die türkischen Gastarbeiter erheben ihren Anspruch auf ein gelungenes Deutschland, und Andreas Baader und Gudrun Ensslin werden in den Mo-
ment der Geschichte gebannt, als sie noch rebellisch verliebte Träumende waren, mehr Bohemians als Bombardiere.

Der Filmemacher Klaus Lemke ist Reiseführer der Außerirdischen in Ostermaiers Karneval der Umstürzler. Der Düsseldorfer «Münchner aus Leidenschaft» und provozierend anti-intellektuelle Regisseur leitet die KI durch seine «Munich Machine» der Phantasmen. Lemke erfindet der digitalen Forscherin eine Science-Fiction der gesellschaftlichen Aufbrüche und Glücksmomente, von der Räterepublik bis zu Munich Disco, von Fassbinders Antitheater zu Dietls «Münchner Geschichten» und Olympia ‘72.

Begleitet von den Einsprüchen seiner Amore – einer Mischgestalt aus Lemkes Filmstar Cleo Kretschmer und der konstruktiven Staatsfeindin Ulrike Meinhof – erlebt das Trio an zahlreichen Zeitstationen aber leider immer wieder das gleiche. Das Drehbuch der Geschichte ist genauso hartnäckig wie die Träume. Am Ende jeder Rebellion ist das System stabiler als zuvor. Die Rituale der Rebellion bestärken die alten Machtstrukturen, machen sie in der Erprobung am Widerstand nur noch cleverer.

Das gilt besonders für die Institution, die den Karneval als Triebabfuhr erfunden und kultiviert hat. Und hier wird der Abend auch mal düster in seiner Polonaise der Absurditäten. Denn das Triebleben unter dem Deckmantel des Zölibats, das weltweit Millionen junge Menschen vergewaltigt und traumatisiert hat, demaskierte die verantwortliche Institution und ihre angeblich frohe Botschaft dadurch kaum. Wenig geschwächt von individueller Klage gegen die Lügen des Apparats wurde die katholische Kirche nur immer perfider, ihre Verbrechen zu leugnen und zu vertuschen. Dies in aller Klarheit anzusprechen ist ein zentrales Anliegen von Albert Ostermaiers Stück, das trotz des zyklischen Ritus aus Hoffen und Scheitern nicht vom aufklärerischen Anspruch lässt.

zum heulen
howl
das ist münchen
löwentränen
isartränen
eisbachtränen
hier leuchtet nichts
so dein herz
nicht leuchtet für
die stadt


Der Chor in Albert Ostermaiers «Munich Machine»

Getragen sind Ostermaiers faustische Reisen zu utopischen Momenten in München trotzdem von einer herzlichen Liebe zu dieser Heimat. Bei aller Wut über die selbstgerechte Verlogenheit und das Potential der Gewalt in dieser bewegten Stadt formuliert der Subtext seines ausgreifenden Stücks ständig die guten Gründe, hier zu leben. Die bayrische Sympathie für Anarchisches, die von A wie Achternbusch bis Z wie Zupfgeigen reicht, ist das Schmieröl der «Munich Machine». Diese verzankte Liebe zu Bayern verbindet Albert Ostermaier mit den Münchner Filmemachern der Sechziger bis Achtziger, die als Referenzchor den atmosphärischen Hintergrund dieses Dramas bilden – und an mancher Stelle auch rührende Zitate und Stichworte beisteuern.

Klaus Lemkes filmische Mitverschwörer aus der Kneipe «Kleiner Bungalow» in der Türkenstraße, etwa Werner Enke oder May Spils, aber auch die geschmeidigeren Regisseure des Münchner Gefühls wie Helmut Dietl, sind Ostermaiers Kronzeugen für die Freuden einer Rebellion, die sicherlich nicht in die Staatskanzlei führt, aber dafür jeden Tag die Welt ein klein bisschen auf den Kopf stellt. Und dabei festliche Rituale erzeugt, die für ein glückliches Lebensgefühl in der «Munich Machine» unabdingbar sind. Denn am Ende dieser stadtbiografischen Rebellions-Reise sehnen sich doch alle Menschen, Ur-Bayern oder Zugereiste, nach einem stabilen System, wo niemand den anderen die Exzesse der langen Faschings-Nacht der Utopien lange übelnimmt.