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09.10.2025
Heinrich Mann

BITTE UM ENTSCHULDIGUNG!

Sein Held ist es, den der Autor um Entschuldigung bittet. Er hat mehr über ihn gewusst als irgendwer, aber doch nicht, dass er es so weit bringen würde. Er hat ihn ungemein ernst genommen, aber so furchtbar ernst nicht. Der Autor hat nicht geglaubt, sein Held werde die letzte Folge seines Daseins erleben, den Krieg gegen Europa.

Er sah wohl, alles, schon in den Anfängen des Helden, drängte zu solchem Ende. Diederich Heßling hatte unter diesem und tausend andern Namen, mit denen er vor einem Menschenalter in Deutschland auftrat, den Drang nach Macht zu seinem Evangelium erhoben, hatte im Kleinen wie im Großen nie nach einem andern gehandelt, und musste wohl endlich auch im ganz Großen so tun. Durchschaut hatte er das Trügerische und das gänzlich Unverbindliche in demokratischer Verbürgerlichung, der Europa, und bis zu seinem eigenen Auftreten auch Deutschland, noch anhingen. Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Menschlichkeit erlagen seiner Skepsis; allen Zweifeln entrückt blieben nur Zucht, Macht, Nutzen, Herrentum seiner eigensten Entwicklung, und unabhängig von allen äußeren, auswärtigen Anlässen erkannte er die Beschießung von London als Pflicht gegen sich selbst, wie auch ihre Begleiterscheinung, die Beschießung von Paris. Diederich Heßling hatte diese Erkenntnis ausgesprochen lange bevor der Anlass eintrat, sie zur Tat zu machen, und der Autor wusste darum. Der Autor hatte es niedergeschrieben, bevor der 2. August 1914 da war. Jeden Satz des Heßling’schen Werdeganges hatte der Autor vor jenem 2. August zu Ende geschrieben, und nur der Autor, nicht sein Held, war in dem Irrtum befangen, dieser 2. August werde nicht kommen. Der Autor bittet seinen Helden demütig um Entschuldigung, der Held war der Stärkere.

Sein Verhältnis zur Macht war mehr als Schauspielerei. Zum Wenigsten war es eine Schauspielerei, die dem Ernstfall Gelegenheit gab. Was an ihm lag, hat der Held wirklich unternommen, um mit jenen beiden Beschießungen Ernst zu machen. Millionen Leichen hat er auf sich genommen und Abermillionen geschlachteten Menschenglücks. Wer die Macht will, muss ihre Nahrung wollen; und unter den nährenden Leichen befinden sich erfahrungsgemäß nur selten die so wichtigen wirtschaftlichen Führer namens Diederich Heßling oder die geistigen und politischen Führer, die ähnlich heißen. Der Autor bittet um Entschuldigung, auch dafür, dass sein Held und die ihm heiligen Ideale vielleicht nicht immer in der freudigen Beleuchtung stehen, die der 2. August unabweisbar gemacht hat. Die Bloßstellung der Macht und das Wissen um ihre Hintergründe müssen beileibe nicht die Aufforderung bedeuten, sich ihrer zu begeben. Im Gegenteil erscheint der als besonders rühmenswert, dessen Wissen edel und dessen Handeln anders ist.

 

Man muss die Gewalten lieben, denen man sich unterwirft.
Man muss sie achten, denn die Gewalt verdient Achtung.
Der Vater. Der liebe Gott. Das Burggespenst. Die Polizei. Die Schule.

Heinrich Mann, «Der Untertan»


Heinrich Mann, Tutzing, 15. August 1915

Auszug aus Heinrich Mann: Bitte um Entschuldigung! (Der Untertan), online verfügbar durch Projekt Gutenberg