Kaiserreich und Republik
Was die Welt erblickte, war ein Herrenvolk aus Untertanen. Deutschland war befreit; besiegt waren nur das Reich und sein Untertan.

DER UNTERTAN
Die Eigenschaften des Untertans sind die, worauf das Reich gegründet war. Sie machen nicht den Deutschen aus, nur den Untertan. Der Bürger dachte in Machtgesetzen – höchste Aufgabe und Pflicht: reicher werden, härter werden, Weltmacht sein.
So hart waren in keinem kapitalistischen Gemeinwesen die menschlichen Beziehungen. So herrengemäß fühlten sich doch nirgends die Herren, und noch in keiner uns verwandten Welt wurden Menschen so sehr zum «Menschenmaterial».
Diese neue Macht war ruchlos, weil sie zu schnell aufgeschossen, von sich selbst überrascht und in der Tat höchst fragwürdig war. Der Eindruck bestand, dass weder das Reich noch sein Untertan ihr Dasein einfach hinnahmen wie etwas Naturgewordenes. «Künstlich» nannte das Reich sogar sein Schöpfer, eine Treibhauspflanze war der Untertan; und auf unsolide Art zur Welt gekommen, nahmen sie sich das Recht, auch so zu leben, rechneten, anstatt mit Zeit und Selbsterziehung, auf jeden Zufall der Gewalt, jede unlautere Nachhilfe, jeden Bluff. Man feiert die eigene Tüchtigkeit wie ein Verdienst um den Geist der Menschheit. Das Wesentliche blieb dennoch ihre Betriebsamkeit. Was war ihr Kaiser? Betriebsam.
Ihr Kaiser vertritt die Deutschen seines Reiches. Ein Überallundnirgends im Adlerhelm, der das monarchische Prinzip oder ein neues Fabrikat anpreist, dies hieß Kaiser. Wie modern! Da jagte er durch das Land mit seinen siebzig Uniformen, und stachelte seinen Untertan an, noch tüchtiger zu sein, auch dies noch zu verfertigen, auch hier noch «an die Spitze» zu kommen und, Neidern und Schwarzsehern zum Trotz, immer noch «klotziger» zu verdienen. Womit immer er sich befasste, was er gerade vorführte und empfahl: Erfolg! Erfolg, höchste Bürgertugend! Alles verstehen wollen, aber nichts wirklich können und lieben, überall gewesen und schon wieder zurück sein, an nichts hängen, haltlos und unsachlich bis zum Grauen sein, ein Schein sein, eine Bühnenlarve – und dort, wo das Herz sitzt, nichts haben als die Anbetung des Erfolges, die unbedingte Anbetung jedes Erfolges, der sich in Geld ausdrückt.

So kam der Krieg.
Er kam durch ein Wesen, das gegebene Tatsachen stumpfsinnig verehrte, das Unterwürfigkeit, Grobsinnlichkeit und Härte für Gesetze des Lebens hielt und Menschenverachtung für seine letzte Frucht; das, unsachlich, unwahr und in allem Geistigen frivol, für Höheres nie kämpfen, immer nur raffen und schmatzen, aber nie kämpfen wollte, und das überdies einen solchen Unfug für Reife und Gipfel, sich selbst, den Wechselbalg des Deutschen, für seine Vollendung ausgab. Der Krieg kam durch den Untertan.
Im Augenblick, als der Roman des Untertans durch die Ereignisse bestätigt wurde und endlich öffentlich erscheinen konnte, fand der Untertan selbst die Besinnung, stutzte wenigstens, man hätte an seine Umkehr glauben können, womöglich an Bekehrung. Seinen eigenen Roman, die erste Ausgabe dieses «Untertan», las er damals in ungeheuren Mengen, – es ist genau zehn Jahre her.
Die neue Ausgabe des Romans wird von anderen Menschen gelesen werden, diese aber sind meistens unhistorisch. Sie können daher auch nicht wissen, welche warnenden Beispiele die Vergangenheit bietet. Sie erkennen nicht, was vom Erbe des einstigen Untertans in ihnen selbst noch fortlebt. Ich wünschte, dieses Buch vermöchte ein neues Geschlecht aufzuklären, wenn es das alte nicht mehr ändern konnte.



