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12.12.2025
Almut Wagner

VON BERLIN IN DIE WELT

zur Genese von «CABARET»

Die Uraufführung des Musicals «Cabaret» fand im Jahr 1966 statt, doch seine Entstehungsgeschichte ist deutlich älter. Sie begann 1929 mit einer Reise des jungen britischen Schriftstellers Christopher Isherwood – als Christopher Bradshaw-Isherwood 1904 in Dislay (England) geboren und 1986 in Santa Monica (Kalifornien) gestorben – die das Abenteuer seines Lebens werden würde.

Er lernte in der deutschen Hauptstadt das pulsierende Nachtleben kennen und lieben, aber erlebte auch ihre Schattenseiten: die Armut und das Erstarken des Nationalsozialismus. Seine Eindrücke aus diesen Jahren hielt er in einigen Erzählungen und Notizen fest. Christopher Isherwood veröffentlichte einen Teil seiner Berliner Geschichten 1939 unter dem Titel «Goodbye to Berlin», ursprünglich als Teil eines großangelegten Episodenromans konzipiert, der in Berlin kurz vor Beginn des Hitler-Regimes spielen sollte, aber nie realisiert wurde.

«Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht. Ich nehme den Mann auf, der sich gegenüber im Fenster rasiert, und die Frau im Kimono, die sich die Haare wäscht. Eines Abends muss das alles entwickelt werden, sorgfältig abgezogen, fixiert.»

Christopher Isherwood in «Leb wohl, Berlin»

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weckten Isherwoods Erzählungen das Interesse des britisch-niederländisch-
amerikanischen Schriftstellers und Drehbuchautors John Van Druten (1901-1957). Diesen faszinierte die autofiktionale Beschreibung der Erfahrungen des jungen Mannes aus der noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit und aus der Perspektive eines genau beobachtenden, aber fast unbeteiligt wirkenden Chronisten. Einige Episoden aus Isherwoods Werk machte Van Druten zur Vorlage seines Theaterstücks mit dem bezeichnenden Titel «I Am a Camera». Es wurde 1951 mit großem Erfolg am Broadway uraufgeführt, gewann zahlreiche Preise und wurde im Jahr 1955 von Henry Cornelius in einer britischen Produktion auch verfilmt.

Szenenfoto aus «Cabaret»: Fräulein Kost (Myriam Schröder) steht links in einer Tür, rechts erscheint Ernst Ludwig (Vincent zur Linden) in einer weiteren, hell erleuchteten Türöffnung. Dazwischen steht Clifford Bradshaw (Michael Goldberg) mit dem Rücken zum Publikum.

Interesse an einer Musical-Adaption des Stoffs bekundete Anfang der 1960er-Jahre Harold Prince, einer der damals erfolgreichsten Regisseure und Produzenten am Broadway. Er bat den Dramatiker und Drehbuchautor Joe Masteroff, das Buch dafür zu entwickeln. Für die musikalische und textliche Umsetzung wählten die beiden den Komponisten John Kander und den Dramatiker Fred Ebb aus, die beide schon häufiger zusammengearbeitet hatten.

Die Uraufführung des Musicals wurde ein spektakulärer Erfolg. Handlung, Figuren, Besetzung, Inszenierung und Choreografie begeisterten Presse und Publikum gleichermaßen. Besonders bejubelt wurde die Komposition: John Kander ließ sich dafür von der Musik der 1920er- und 1930er-Jahren wie von den Melodien und Rhythmen seiner eigenen Zeit inspirieren. Nicht nur der Eröffnungssong «Willkommen, bienvenue, welcome» wurde über Nacht zu einem Hit. Als ein besonderer Coup galt die Besetzung der Rolle Fräulein Schneider mit Lotte Lenya, der früheren Ehefrau des Komponisten Kurt Weill und eine der größten Bühnenkünstlerinnen ihrer Zeit. Insbesondere ihre Songs sind stark von der Musik Kurt Weills inspiriert.

Szenenfoto aus «Cabaret»: Der Conférencier steht mit Tänzer*innen des Kit Kat Klub auf der Bühne, umgeben von großen weißen Federfächern vor dunklem Hintergrund.

Die Erfolgsstory von «Cabaret» ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Denn sechs Jahre nach der Uraufführung 1972 wurde das Musical von dem Amerikaner Bob Fosse verfilmt. Die Dreharbeiten fanden unter anderem in München statt und mit Fritz Wepper und Helmut Griem standen auch deutsche Schauspieler vor der Kamera. Die Handlung wurde für das Drehbuch etwas verändert, und es kamen neue Songs dazu. Der Film wurde mit acht Oscars ausgezeichnet und machte die junge Liza Minnelli in der Rolle der Sally Bowles zum Weltstar.

 

Wie bitte? Das Leben ist eine einzige Enttäuschung?
Macht euch nichts draus!
Hier bei uns ist das Leben wunderschön,
die Girls sind wunderschön,
sogar das Orchester ist wunderschön!

Conférencier in «Cabaret»

 

Aber auch von den Bühnen in aller Welt ist das Musical seit der Uraufführung nicht mehr wegzudenken. In unserer Zeit der wiedererstarkenden rechten Kräfte ist die Warnung, die von dem höchst unterhaltsamen und emotionalen Werk ausgeht, leider hochaktuell.