A BAVARIAN DREAM
Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken über Rudolph Moshammer

Rudolph Moshammer, liebevoll Mosi genannt, sucht München heim. Er hat sich zu einer Kunstfigur stilisiert, für die selbst seriöse Leute eine Schwäche zeigen. Die Welt – eine Bühne für sein theatralisches, flamboyantes Leben gespickt mit Manierismen. Mosis Leidenschaft galt der Künstlichkeit; Extravaganz ging ihm über alles. Er stilisierte sich selbst ganz Ancien Régime mit zwei schwarzen Stirnlocken einer Perücke als der Märchenkönig Ludwig II., der selbst schon ein Abklatsch des Sonnenkönigs war. Mosi als replica einer replica. Mit dem schmalen schwarzen Oberlippenbart lässt auch «Bel ami» grüßen. Wie die Damen des Ancien Régime hatte Mosi ständig einen Schoßhund names Daisy dabei (davon gab es vier in seinem Leben), und selbstverständlich mit Haarschleifchen. Begleitet wurde er zeitlebens, bis zu deren Tod, von seiner Frau Maman mit zartviolettem Haar.
Wie die Könige und die Fürsten, die deshalb etwas Heiliges an sich hatten, zeigte sich der Mosi sehr großzügig: Er speiste die Armen, tat alles mit Herz, war alles andere als ein Snob. Ausgesprochen volksnah unterstützte er nicht nur Stiftungen für Obdachlose und den BISS. Er veranstaltete Weihnachtsessen, bei denen er mit Hand anlegte und die Armen höchstpersönlich beschenkte. So wurde er dann auch mit dem Martinsmantel des Sankt Michaelsbundes ausgezeichnet.

Beerdigt wurde er selbstverständlich einbalsamiert wie die Pharaonen und liegt an der Seite seiner Mutter in dem Mausoleum, das er für sie hatte errichten lassen. In den gefalteten Händen hielt er nicht etwa die Locke einer Geliebten, sondern eine Locke von Daisy, dem Schoßhund. Ganz München war da, es regnete Lilien, Nelken, Rosen. Mit Pauken und Trompeten wurde die Trauerfeier in der Allerheiligenhofkirche abgehalten. Bei den Royals hätte es kaum royalistischer zugehen können. Selbst
ein Georges Brassens hätte seine Ansprüche an die «Pompes funèbres» nicht enttäuscht gesehen: es gab einen Leichenschmaus für hundertzwanzig Obdachlose. Die Stadt zeigte ein leidenschaftliches Gefallen an diesem phantastischen Spektakel, dieser witzigen Größe im Durchkreuzen aller Erwartungen und Normen.
Denn Moshammer hatte sich souverän über all die Normierungen und Ansprüche, welche die bürgerliche Gesellschaft an junge Männer stellt, hinweggesetzt. Nicht, dass er sie kritisiert oder gegen sie rebelliert hätte. Er hat sie einfach ignoriert – oder besser «gequeert». Das heterosexuelle Zwangskorsett hatte er nicht einmal von weitem gesehen. Sein statt Schein? Klar, sein Schein war Sein, sein Sein Schein. Leistung? Es auf die Reihe kriegen? Da hielt er es lieber mit einer karnevalesken Welt, die Kopf steht und in der alles erlaubt ist; in der einzig Geschmack zählt und man sogar am schlechten Geschmack etwas finden kann. «Carneval de Venise» hieß seine Boutique, natürlich (!) in der Maximilianstraße, wo auch sonst. Wie Karl Lagerfeld, wie Yves Saint Laurent hatte auch, selbstverständlich, Moshammer seine Mäzene.

Ob er seine Kollektionen selbst entworfen hat? Wer wollte da kleinlich kritteln und überholte Maßstäbe von Originalität anlegen. Gut ausgesucht waren sie allemal und außerdem traf man dort nicht nur die halbseidene Halbwelt, sondern die ganze Welt. Mosi hatte offensichtlich nichts wichtigeres im Kopf, als die Frisur, die er darauf trug. Dass er auf sein Äußeres keinen Gedanken verschwendet hätte, darauf konnte man beim besten Willen nicht kommen. Bürgerlich-männliche Scheinlosigkeit,
wie sie den modernen Europäer und Geistesmenschen nach Nietzsche auszeichnen sollte, war seine Sache nicht.
Der Mosi hielt der bürgerlichen Gesellschaft, deren Maßstäbe er auf den Kopf stellte und schräg verkehrte, den Spiegel vor. Das tat er wie die Dandys durch seinen Bezug aufs Aristokratisch-Königliche. Bloß dass es jetzt nicht mehr wie bei Ludwig II. als eine märchenhafte Tragödie, sondern als sentimentale Farce wiederkehrte, als abgedroschenes Déjà vu. Das macht aber nichts, es ist so toll, weil es so schrecklich ist – so definierte Susan Sonntag 1964 «Camp». Dass es das tatsächlich noch gab, dieses Ausleben sämtlicher Clichés, machte den Mosi in einer Massengesellschaft als Ersatz des Ersatzes so einzigartig.

Theatralischer als sein Leben war nur sein Tod: Der nicht mehr ganz junge Moshammer cruiste in seinem Rolls Royce mit dem sprechenden Namen Silver Seraph im Bahnhofsviertel auf der Suche nach jungen Gespielen, die er dann in den luxuriösesten Vorort Münchens, Grünwald, mit nach Hause nahm. Mehr «over the top» geht nicht, «too much» wäre eine schändliche Verharmlosung. Dagegen kommt selbst Pasolini mit seinem roten Alpha Veloce auf der Suche nach jungen Männern in den ärmsten Gegenden Roms, die von einem Alpha nicht einmal träumen konnten, nicht an. Auch der klassizistische Winckelmann nicht, der von einem einfachen Koch ermordet wurde, den er in sein Zimmer voller antiker Schätze eingeladen hatte. Einer von den Gespielen erdrosselte Mosi in seiner Wohnung, und zwar angeblich im Streit um seine Entlohnung, mit dem Stromkabel. «Trau keinem, mit dem du schläfst» war der Titel eines Films, in dem Moshammer selbst mitgespielt hatte. Diese Warnung hatte er in den Wind geschlagen, nicht erst genommen, er der nichts wirklich ernst nehmen konnte. Dass ihm da nicht früher schreckliches widerfahren ist, grenzt an ein Wunder. Der Mosi war ein Münchner Phänomen – a Bavarian Dream.




