Wo alle folgen, ist niemand frei
Ersan Mondtag über seine Zusammenarbeit mit dem Künstler Monty Richthofen für «MUNICH MACHINE»

Im Zentrum dieses Theaterabends steht die Frage nach Utopien, die entworfen wurden und sich zugleich verbraucht haben. «Munich Machine» von Albert Ostermaier nähert sich dieser Frage über eine Stadt, die seit Jahrzehnten Projektionsfläche kultureller Versprechen ist. München erscheint hier als eine Maschine aus Bildern und Erwartungen. Ein Ort, an dem Zukunft immer wieder behauptet wurde und doch an ihren eigenen Bedingungen erstarrte.
In diesem Spannungsfeld ist die Arbeit von Monty Richthofen verortet. Richthofen arbeitet mit Schrift als eigenständigem künstlerischem Material. Seine Praxis bewegt sich zwischen Text und Raum und richtet sich auf die Frage, wie Sprache Wahrnehmung und gesellschaftliche Ordnung formt. Schrift ist bei ihm kein Träger eindeutiger Bedeutung. Sie bleibt offen. Sie unterbricht Lesbarkeit und verweigert Abschluss.
Ausgehend vom Schreiben im öffentlichen Raum entwickelte Richthofen eine Haltung, in der Text als Eingriff verstanden wird. Sprache wird auf Oberflächen gesetzt und ihrer Selbstverständlichkeit entzogen. Sie reagiert auf den Ort, an dem sie erscheint. Ihre Wirkung entsteht aus der Situation heraus. Schrift behauptet nichts. Sie bleibt bestehen.

München ist dabei nicht nur biografischer Bezugspunkt, sondern historischer Resonanzraum. In der Nacht vom 23. auf den 24. März 1985 wurde im nahegelegenen Geltendorf erstmals in Europa ein kompletter Zug mit Graffiti bemalt. Dieser «Wholetrain» gilt als Keimzelle der Graffiti Bewegung in Deutschland und Europa. Der Zug wurde zu einem neuen Träger von Schrift. Sprache geriet in Bewegung. Sie verließ den festen Ort und entzog sich für einen Moment der Kontrolle.
Was hier sichtbar wurde, war eine Vorstellung von Kunst im öffentlichen Raum, die sich nicht absichern wollte. Diese Vorstellung hielt nicht lange. Der Zug wurde gereinigt. Die Schrift verschwand. Sichtbarkeit führte zu Regulierung, Freiheit wurde lesbar und damit angreifbar. Der Geltendorfer Zug markiert nicht nur einen Anfang, sondern auch den Beginn eines Spannungsfelds, das urbane Kunst bis heute bestimmt.
In genau dieser Ambivalenz bewegt sich Richthofens Arbeit. Bereits im Bühnenbild für meine Produktion «Das Rote Haus» am Maxim Gorki Theater in Berlin entwarf er einen eigenständigen Schriftzug, der direkt in die szenische Architektur eingeschrieben war. Text, Form und Platzierung lagen vollständig in seiner Entscheidung. Diese Arbeit entstand aus unserem gemeinsamen Dialog, der von unserer persönlichen Verbindung und gemeinsamen ästhetischen Neugier getragen war.
Für «Munich Machine» entwirft Richthofen erneut einen eigenständigen Schriftzug: «Wo alle folgen, ist niemand frei».

Formal bezieht sich diese Arbeit auf den Zug als Denkfigur. Bewegung erscheint hier nicht als Fortschritt, sondern als Wiederholung. Der Schriftzug fungiert nicht als Kommentar, sondern steht als autonome Setzung im Raum. Er verhandelt das Thema der scheiternden Utopien nicht erzählerisch, sondern durch Präsenz.
Was bleibt, ist kein abgeschlossener Satz. Die Schrift steht da als Erinnerung an einen Moment, in dem Bewegung noch nicht mit Folgen verwechselt wurde. Sie lädt dazu ein, Utopien nicht festzuhalten, sondern sie dort zu befragen, wo sie still geworden sind.



