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15.09.2015
Matthias Bechon, Katrin Michaels

Auch die Wissenschaft hat ihre Grenzen

Der Geologe Matthias Bechon im Gespräch mit Katrin Michaels

In unserem Stück geht es darum, wie die Natur, das Wetter in das Leben der Figuren eingreift. Während wir im Sommer geprobt haben, gab es täglich neue Meldungen über Waldbrände, Überschwemmungen und Hitzewellen. Wie schaust du als Wissenschaftler auf das Wetter?

Zuerst schauen wir alle gleich auf das Wetter: Wird es morgen regnen oder scheint die Sonne? Kann ich in den Park gehen? Wann plane ich meinen Urlaub? Aber ich habe den Eindruck, dass das Wetter in unserer heutigen Gesellschaft oft kommerziell genutzt wird. Zum Beispiel: Wenn es eine 14-Tage-Vorhersage gibt, schauen wir sie uns an – obwohl die meisten Systeme aus wissenschaftlicher Sicht bei einer Vorhersage von mehr als 4 Tagen nicht zuverlässig sind.

Persönlich versuche ich, mich überraschen zu lassen und nicht ständig die Vorhersage zu checken. Wenn es mitten im Sommer regnet, ist das meistens gut für die Pflanzen. Und wenn die Sonne scheint, dann kann ich rausgehen. Ohne extreme Ereignisse hilft es mir, die Wetterschwankungen – ob vorhergesagt oder nicht – zu akzeptieren, wenn ich nicht ständig auf die Wettervorhersage schaue.

Aus wissenschaftlicher Sicht vertraue ich wirklich darauf, dass wir starke und großräumige Ereignisse vorhersagen können. Die meisten lokalen Wetterlagen sind in einen größeren Zusammenhang eingebettet, wie etwa ein Tiefdruckgebiet oder ein Hochdruckgebiet. Solche Systeme können wir in ihrer Entwicklung wirklich gut vorhersagen. Das heißt aber nicht, dass wir einfach unsere Modelle analysieren und dann genau wissen, was passieren wird. Auch die Wissenschaft hat ihre Grenzen.

 

In den letzten Jahren haben wir viel über Starkwetterereignisse gehört und werden auch viel öfter gewarnt, zum Beispiel von unserem Telefon. Hat sich unsere Wahrnehmung von extremem Wetter verändert?

Ja, das stimmt, wir haben manchmal den Eindruck, dass diese Ereignisse zunehmen, weil wir viel mehr Bilder davon sehen. Als ich nach Tornados in Deutschland gesucht habe, scheint es davon in letzter Zeit viel mehr zu geben, und die Autor*innen erklärten, dass der beobachtete Anstieg nach den 2000er-Jahren auf die Entwicklung des Internets zurückzuführen sei – sicher auch, weil man diese Informationen jetzt viel leichter teilen kann.

Was andere Extremereignisse betrifft, steigt bei einem großen Teil die Wahrscheinlichkeit und Intensität im Kontext des Klimawandels deutlich an. Wenn es um Hitzewellen geht, ist ziemlich klar, dass wir davon in einem sehr großen Teil der Erde immer mehr haben werden.

 

Was definiert ihr als extrem? 

Da berechnen wir das Wiederkehrintervall, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis im aktuellen Klima eintritt. Das können wir numerisch analysieren und dann ungefähr simulieren, was passieren wird. Wir schauen die Temperatur und die Niederschlagsmuster an und schätzen sie ein: Ist es möglich, dass das jedes Jahr passiert? Oder einmal in zehn Jahren? Und dann vergleichen wir das damit, was wirklich passiert ist.

Nehmen wir zum Beispiel den Tornado, der in eurem Theaterstück erwähnt wird: Er würde als Extremereignis gelten, weil er erhebliche Schäden verursacht und im aktuellen Klima durchschnittlich alle eineinhalb Jahre auf deutschem Gebiet auftritt.

Wie alarmiert bist du von den aktuellen Ereignissen?

In Hinsicht auf das Klima bin ich ziemlich alarmiert. Und ich denke, die Warnzeichen sind schon seit langem offensichtlich. Ganz persönlich denke ich mehr über unser ganzes Erdsystem nach, und nicht nur über das atmosphärische System. Ich glaube, wir werden wirklich sehr große Veränderungen erleben, die wir uns jetzt noch nicht einmal vorstellen können.

Das kann ein Problem sein: Was heißt es für mein Gehirn, wenn ich sage »ein Grad»? Wie stellt sich mein Gehirn ein Grad vor? Wenn wir sagen «drei Grad mehr in München» – was heißt das? Wie sieht eine Hitzewelle in München bei einer Erwärmung von drei Grad aus? Es gibt zahlreiche hochwertige Studien, unzählige Zahlen, aber ich denke, mein Gehirn sagt einfach «zu warm«. Ich kann nicht fühlen, was diese Zahlen bedeuten. Das beunruhigt mich ziemlich.

Ich kann diese Zahl nicht wirklich verarbeiten. Ich habe kürzlich eine Studie gelesen, die die aktuelle Aussterberate der Wirbeltiere auf etwa das 100-fache der Rate des letzten Massenaussterbens schätzt, bei der die Dinosaurier ausstarben. Wenn ich aber 10 sagen würde, würde mein Gehirn vielleicht genauso reagieren, denn ich verwandle die Zahl in ein Gefühl, und 10, wie auch 100, ist einfach zu viel.

Das beschäftigt mich am meisten: Wir können nicht begreifen, was die Zahlen uns eigentlich sagen. Ich glaube, unsere Gehirne können solche Fakten nicht wirklich verarbeiten, und doch wird jede unserer Entscheidungen so begründet, als könnten wir sie vollständig verstehen.

 

In unserem Stück fällt der Satz »Verrückt, dass wir denken, dass es uns nicht erwischt oder nur beinah«. Der ganz konkrete Sturm ist scheinbar eine ganz plötzliche Entwicklung, in der sich die Figuren auf einmal wiederfinden. Wie wahrscheinlich wäre es, dass wir gewarnt würden, zum Beispiel im Falle eines Tornados?

Die Schwierigkeit, vor Extremereignissen zu warnen, ist, dass sie ziemlich schwer vorherzusagen sind. Weil sie extrem sind, sind sie noch nicht häufig vorgekommen, also haben wir keine große Datengrundlage. Hitzewellen können wir ziemlich gut vorhersagen. Bei Stürmen ist das komplizierter. Es gibt atmosphärische Konvektionssysteme, die durch aufsteigende warme Luft entstehen, die sehr schwer vorherzusagen sind. 

In Frankreich wurden zum Beispiel 2025 etwa 70 Prozent der Extremereignisse sechs Stunden vor ihrem Eintreten vorhergesagt. Es war also ungefähr eins von hundert Ereignissen in den Modellen vorher nicht sichtbar.

 

Also werden wir in Zukunft wahrscheinlich öfter gewarnt werden?

Ein anderes Problem ist, dass, wenn gewarnt wird und dann nichts passiert, die Bevölkerung dir weniger vertraut. Bei 16 Prozent der Warnungen ist in Frankreich letztes Jahr nichts passiert. Es schwer vorherzusagen, ob etwas nun in München oder in Augsburg passiert. Da muss eine Wolke nur ein paar Kilometer von dem Bereich, den du anschaust, entfernt sein. Es ist also eine Abwägungssache: Du musst die Leute warnen, wenn es möglich ist, aber nicht zu häufig. Sonst verlierst du ihr Vertrauen.

 

In unserem Stück greift die Natur immer mehr in die Handlung ein, die Figuren können sich nicht mehr als unabhängig von ihr begreifen. Du erforscht gerade Wälder. Wie schaust du als Wissenschaftler auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur?

Erstmal zähle ich alles. Wir haben Modelle, die uns Schätzwerte für die Höhe, die Breite, die Anzahl der Blätter jedes Baums geben und ich rechne dann aus, wie viel Licht und wie viel Energie sie bekommen.

 

Und in Bezug auf Menschen?

Ich glaube, wie wir die Natur wahrnehmen, ist ein großes Problem. Heute nennen wir sie oft »Umwelt«, das heißt ganz wörtlich das, was um uns herum ist. Aber wir stehen nicht im Mittelpunkt. Wir sind Teil des Systems und wir beeinflussen es. Was du vom Stück beschreibst, ist mehr, wie es sein könnte, und nicht wie es heute wirklich ist.

Matthias Bechon ist Doktorant am Department für Geographie der LMU. Nach einem Studium der Meteorologie forscht er in der AG Physische Geographie und Landnutzungssysteme darüber, wie Wälder mit der Atmosphäre interagieren.