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25.09.2026

Philipp Stölzl: »Aufklappen und los«

Ein Gespräch mit Philipp Stölzl

In seiner Münchner Zeit zwischen 1917 und 1924 stand Bertolt Brecht in enger Verbindung mit der hiesigen Kabarett-Szene um Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Ein Foto zeigt Brecht um 1920 mit beiden in Valentins »Oktoberfestschau« auf der Bühne, 1923 entstand das gemeinsame Filmprojekt »Mysterien eines Frisiersalons«. In einer Notiz aus den frühen 1920er-Jahren schreibt Brecht, Valentin sei ein »durchaus komplizierter, blutiger Witz« und sollte »dem großen Charlie gleichgestellt werden« – gemeint ist Charlie Chaplin. Mich hat das Faible des jungen Brecht für Valentins anarchischen Witz wirklich überrascht – es passte nicht so recht in mein Brecht-Bild. Ebenso verblüfft hat mich, wie viel Humor in seiner »Dreigroschenoper« steckt. War dir die komische Seite des Stücks von Anfang an bewusst oder war das eine Entdeckung während der Proben?

Das Stück hat sich für mich ehrlicherweise auch erst in den Proben ganz erschlossen. Auf die Nähe und beim »Machen« geht da tatsächlich eine Wundertüte auf: Eine irre Mischung aus absurder Albernheit und Groteske, einem wirklich harten Welt- und Menschenbild und melancholisch-abgeklärten und trotzdem intensiven Liebesgeschichten. Diese Collage-Technik hat eine absolute Modernität, ist aber beim Inszenieren und Spielen eine echte Herausforderung, weil man tonal ständig scharfe Kurven und Brüche bewältigen muss. Ich finde, man merkt dem Stück so stark an, dass da sehr junge Leute in ganz kurzer Zeit etwas »hingeworfen« haben: eine wilde Skizze – und dabei völlig angstfrei! Ich glaube, das ist es, was die »Dreigroschenoper« auch nach fast hundert Jahren noch so lebendig und frisch wirken lässt. Abgesehen von der genialen Musik natürlich, die das pumpende Herz im Inneren des Werks ist.

Die Bühne, die du für deine Inszenierung entworfen hast, bringt das Bühnengeschehen räumlich ganz nah an die Zuschauenden. Welche Welt zeigst du mit diesem wuchernden Berg an Kisten und Kartons, die sich aus dem Orchestergraben weit nach oben türmen?

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass unsere »Dreigroschenoper« eine Art Jahrmarktstheater sein muss. Ganz direkt, so dass alle Energie nach vorne ins Publikum geht. Eine Art »Front-Theater«: Den Lastwagen im Schlamm parken, aufklappen und los geht’s. Es ist – ein bisschen wie bei
Shakespeare oder in der Commedia dell’Arte – ein »armes« Theater, das völlig ohne Bühnenrealismus auskommt und eine lässige Leichtigkeit entwickelt. Die Dinge werden einfach gesetzt, sie werden behauptet und gespielt. Damit diese Direktheit ihre Kraft entfalten kann, habe ich die Bühne vor das Portal, in den Zuschauerraum gebaut und auf räumliche Tiefe komplett verzichtet. Wir spielen auf zwei Rampen auf der Vorbühne, es entsteht ein fast zweidimensionales Bild. Die Kisten und Kartons erzählen das »Zusammengeschusterte«
und Billige des Setups. Es ist eine Art Lagerraum, die Welt des Handels und Geldes, aber gleichzeitig auch so etwas wie eine kunstvolle Installation. Und dann gibt es noch die legendären Brecht-Vorhänge. Die hätte ich mir fast selbst verboten, weil sie wie aus dem Theatermuseum, aus der Zeit gefallen wirken könnten. Mich hat aber interessiert, was sie szenisch alles möglich machen: Sehr viel nämlich, wie ich erfahren durfte.

Dort, wo man im Theaterraum eigentlich das Orchester erwartet, klafft der Orchestergraben als leerer Abgrund. Das Orchester hast du sichtbar auf der obersten Ebene der Bühne platziert. Was bedeutet diese Verkehrung der räumlichen Verhältnisse?

Der leere Graben hat mehrere Gründe. Bei einem Stück, das dermaßen von Musik vorangetrieben wird, macht es einen riesigen Unterschied, ob man die Band sieht oder nur hört. Man nimmt Musik anders wahr, wenn man beobachten kann, wie sie »gemacht« wird. Und Weills Musik ist ja nicht nur ein »ferner Klang« sondern pure, direkte Energie, irgendwo zwischen Jazz-Operette, Avantgarde und Klezmer. Darüber hinaus ist der Abgrund natürlich eine tolle Prämisse für die Figuren des Stücks – allen voran für Macheath –, da sie alle »on the edge« leben, als ob es kein Morgen gäbe: »Nur ein Schritt und du bist weg. Aber egal!« Es wird gemordet, gestorben, in die Hölle geschubst und gesprungen. Diese zynische Welt, in der ein Menschenleben nicht besonders viel zählt, lässt sich mit diesem Abgrund sinnbildlich zeigen. Davon abgesehen passen mögliche Assoziationen zur Zirkus-Akrobatik auch gut ins Brecht-Universum.