Elisabeth Hauptmann: Fast der Anfang des Musicals
Elisabeth Hauptmann über die Arbeit an der »Dreigroschenoper«

1972 erschien der Dokumentarfilm »Die Mit-Arbeiterin» über Elisabeth Hauptmann. Für diesen Film von Karlheinz Mund führte das Filmteam umfangreiche Gespräche mit Hauptmann und zeichnete diese auf Tonband auf. Die Literaturwissenschaftlerin, Politologin und Autorin Sabine Kebir hat diese Aufnahmen in ihrem Buch «Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht» als Transkripte zugänglich gemacht und kommentiert. Das Wechselspiel aus Kebirs Autorinnenstimme und Hauptmanns O-Ton gibt Einblick in die Entstehung der «Dreigroschenoper« aus der Perspektive der langjährigen Mitarbeiterin Brechts.
Sabine Kebir schreibt:
1972 erzählte die Hauptmann den Filmern, wie sie Brecht den Stoff schmackhaft gemacht hatte:
»Man wusste ja so ungefähr, was er mochte. Als ich die ›Dreigroschenoper‹ gelesen hatte, habe ich ihm die Szenen mal so kurz erzählt. Ich habe ein bisschen gewusst, was ihm gefiel. Mir hat es aber auch gefallen.«
Barbara Brecht-Schall machte mich kürzlich darauf aufmerksam, dass ihren Erkenntnissen nach nicht die Hauptmann, sondern Helene Weigel den Dreigroschen-Stoff aufgestöbert hat. Auch das wäre eine großartige Nachricht! Sie würde den kreativen experimentellen Charakter des ganzen Brecht-Clans nur bestätigen! Wie dem auch immer sei, die Hauptmann war es jedenfalls, die John Gays »Beggar‹s Opera» in einer Weise aufbereitete, dass Brecht daraus etwas machen konnte. Fest steht: Ohne ihre Übersetzung gäbe es die «Dreigroschenoper» nicht. Elisabeth Hauptmann 1972 in den Filmgesprächen:
»Ich las von einem interessanten Stück in den englischen Zeitungen. Aber dass das so akut war in England – wegen dem Datum, 1928 –, das hatte ich gar nicht so mitbekommen, das war ja 200 Jahre alt. 1728 wurde es zum ersten Mal aufgeführt. (...) Ich habe aber dann die Songs durchgesehen und gesagt: Also die sollten wir nicht nehmen, nur die Melodie vom ersten, die fand ich so schön. Da hat Brecht jetzt die anderen Worte: ›Wach auf, du verrotteter Christ ...‹ Und das war ja alles für uns eine Überraschung, wir haben es auf Spaß hin gemacht. (...) Was haben wir da investiert – ein halbes Jahr Arbeit, vom Winter 1927, 1928 bis zum Sommer, etwas über ein halbes Jahr.«
Dass nicht wenig Text des Szenariums, der Dialoge, direkt auf die Übersetzung der Hauptmann zurückgeht, ist lange bekannt. Die Veränderungen Brechts waren stets in erster Linie dramaturgischer Art, er gab den Stoffen seinen ganz besonderen »Dreh». Und den eigentlichen Erfolg der «Dreigroschenoper« bestimmten zweifellos die Songs. Der war aber keineswegs vorhersehbar.
»Wir sagten: Es wäre gut, wenn es ankommen würde. Dann hätten wir auch etwas mehr Geld gehabt, wir hatten ja nicht viel Geld damals. Aber Sicherheit war gar nicht drin.«
Die Songs der »Dreigroschenoper« wurden in Deutschland sofort Gassenhauer und sollten das Stück weltberühmt machen. Elisabeth Hauptmann 1972:
»Ich glaube, man kann sie fast als das erste Musical, den Anfang des Musicals, bezeichnen. In der ›Dreigroschenoper‹ heißt es: ein Stück mit Musik. Und Vorbilder waren ja damals sehr viel amerikanische Songs. Wir haben damals ungeheuer viel von Amerika übernommen, das war ja die Zeit des Amerikanismus, das war ja unwahrscheinlich. Das habe ich schon oft gesagt. Ich selbst sammelte ja Platten. (...) Man ging ja auch in Lokale und hörte dann was; das meiste, weil man das brauchte. Es lag Brecht ebenso sehr. Das war die große Augsburger Liedtradition. Er hat seinen Freunden vorgespielt und vorgesungen. (...) Das hat er dann später in Berlin gelassen.«
Songs konnten unabhängig von einem Stück oder auch zielgerichtet entstehen:
»Das war ganz verschieden. Wenn man geglaubt hat, es wäre richtig. Aber viele wurden auch noch im Nachhinein gemacht, wenn man das Ganze noch einmal durcharbeitete, das Ganze sah und dann vielleicht dachte, das wäre ein Platz. (...) Die Songs kamen so auch als selbständiger Teil heraus, sie waren integriert und selbständig.«
Spontan entstandene Songs, die nicht in Bezug auf eine bestimmte Szene geschrieben sind, wurden oft Jahre später in ein Stück aufgenommen. Manche Songs sind in mehreren Stücken zugleich enthalten, andere wanderten: Der Salomon-Song gelangte von der »Dreigroschenoper» in die «Mutter Courage«.
»Brecht war wirklich sehr ökonomisch mit der Zeit. Wenn er Zeit gewinnen konnte für andere Arbeit, aber auch zum Lesen und für sonstwas, dann benutzte er gerne schon etwas Vorhandenes. (...) Deshalb haben wir nie etwas weggeworfen. Da kam plötzlich: ›Ach – da war doch die Stelle, die wir damals nicht gebraucht haben!‹«
Die Filmer fragten, ob es Brechts ständige Tabubrüche, seine Frechheit, gewesen wären, die den Erfolg der »Dreigroschenoper« ausgemacht hatten.
»Nein, es war nicht nur die Frechheit usw. Brecht hat die Songtexte geschrieben und schon irgendwie im Rohen auch die Melodie dazu gehabt, weil ihm das gefiel für diese Art Stück. Mal gefiel es ihm selber nicht, mal meinte er, es könnte doch auch einigen anderen gefallen. Er hatte doch das Gefühl, dass man mit der ›Dreigroschenoper› vielleicht etwas erobern müsse. Vielleicht will das gar keiner? Es war doch so unsicher. Man kann sich nicht vorstellen, wie neu das damals war. Die Schauspieler waren ja selber so hin- und hergerissen. (...) Und wie gesagt – einen Song singen bei Song-Licht und aus der Rolle treten – ja, das waren solche Sachen. Ich habe Ihnen ja schon hundertmal gesagt, dass da die Schauspieler revoltierten: ‹Das macht man nicht!‹«
Auszug aus Sabine Kebirs »Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht«. Aufbau-Verlag, Berlin 1997.



