Zurück
10.10.2025

RAINALD GOETZ ZUR URAUFFÜHRUNG VON «LAPIDARIUM»

TOD, MENSCH, SCHRIFT - Fragen an Rainald Goetz zu seiner Uraufführung «Lapidarium»

Sie werden oft als Chronist der Gegenwart bezeichnet. In «Lapidarium» nehmen die Erinnerungen an Vergangenes viel Raum ein, es geht unter anderem um den Beginn Ihrer Karriere als Autor im Jahr 1979, daneben stehen Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 2023. Geht es Ihnen inzwischen mehr um das Festhalten des Gewesenen als ums Reflektieren des Gegenwärtigen? Und inwiefern blickt «Lapidarium» auch in die Zukunft?

Chronist der Gegenwart ist ein Ehrentitel, auf den man nicht automatisch Anspruch hat, aufgrund früherer Arbeiten, den muß man sich durch Neuproduktion neu verdienen. Dazu braucht es eine spontane Grundenergie, die nicht forciert sein darf, damit man im Orkan der Gegenwart wirklich freudig schreien kann: Ja ja, weh mich nur weg! Diese Spontanfreude ist nicht immer gleich stark, sie hängt von den Lebensumständen ab, wird durch Alleinleben begünstigt, schwächt sich in melancholischen Momenten ab, auch mit dem Älterwerden, wird dann aber anfallsweise, durch politische oder gesellschaftliche Aufregungsflashs, auch plötzlich wieder heftig neu aufgepeitscht.

Ich wollte in «Lapidarium» eigentlich einen Monolog über den TOD schreiben, so wie in «Kolik» und «Katarakt», meinen bisherigen Monologen, nur diesmal aus Sicht der Jugend, nicht aus der des Alters. Podrostok war der erste Akt lange betitelt, der Jüngling, ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, ich hatte dabei als Identifikationsfigur vorallem Achternbusch im Kopf, daneben Anregungen durch
Dostojewski, Kroetz, Picasso.

Dann bin ich beim Schreiben immer tiefer in dieses München, in das Ambacher Gefühl hineingeraten, Glutwort Ambach, in die Erinnerung, wie sich die kreativen Energien dieser speziellen Münchner Schule damals verdichtet und für mich als zehn Jahre Jüngeren dargestellt haben. Und immer mehr Figuren von damals kamen dazu, vorallem Helmut Dietl, auch immer mehr Handlung. Da machte es mir zum ersten Mal Spaß, in diesem fiktiven Kontext aus meiner eigenen Vergangenheit etwas zu erzählen, wie es bei mir angefangen hatte mit dem Schreiben, mich dieser sentimental retrohaften Erinnerungsstimmung ein bißchen hinzugeben.

Passend zu Dietl trat dann als Geschenk der Gegenwart die öffentliche Erregung um Benjamin von Stuckrad-Barres genial kaputten Roman «Noch wach?» dazu. Und ich bin selber mit in diese Gegenwartserregung hineingeraten und habe meine speedig hysterischen Tagebuch-Notizen dazu als willkommenen Gegenhalt gesehen gegen die erinnerungssentimentale Seite des Stücks, habe sie deshalb direkt in den Text integriert. Das hat die Gesamtform von «Lapidarium» zwar immer irrer auseinanderexplodieren lassen, in dieser Bewegung zugleich aber, zwischen Gewesenem und Gegenwärtigem flirrend, als crazy Formhybrid auch besser aus-
balanciert.

Der Blick in die Zukunft: Tod. Tod ist das Zentralthema des Stücks, das kommende Ende eines jeden individuellen Lebens. Auf diese Zukunft ist der Blick des Stücks fast monoman gerichtet.

Der Titel «Lapidarium» verweist auf eine Sammlung von Steinskulpturen. Beim Lesen entsteht der Eindruck eines permanenten Suchens, Ordnens und Verlierens. Was bedeutet Ordnung für Sie beim Schreiben?
Ja, die Schönheit der Steine, der Tod. Ordnung ist der Zielpunkt, das Ergebnis der Transformation durch das Schreiben, der Verwandlung der Wirklichkeit in Text. Immer wieder erstaunt es mich, wie sehr ich in ANGST bin vor dieser Welt, weil sie mich fundamental verwirrt, aber ich brauche diese Wirrnis auch, damit gegen sie Verstehen entstehen kann, Mitteilbarkeit, von Sprache hervorgebrachte Ordnung, eben Text. Wenn ich völlig klar bin, kann ich nicht schreiben, aber wenn die Kraft zu schwach ist, sich dem Chaos zu stellen, was oft der Fall ist, auch nicht. Es braucht also eine visionshafte Zuversicht, daß sich im Schreiben das eine ins andere, lebendige Welt in tödliche Schrift, verwandeln wird.

Deshalb ist DIE ORDNUNG - so auch der Titel des dritten, chaotischen Teils meines ersten Romans «Irre» - für mich so wichtig. Da Theaterstücke eine stark skulpturale Machart haben, ihr BAU bestimmt, wie sie in der Welt sind und auf der Bühne stehen, sind alle Aspekte und Kriterien von Architektur beim Schreiben eines Stücks so interessant: Maßverhältnisse, Zahlen, Außenansicht, innerer Halt, Balance, Erdung.

Diesem Aspekt der skulpturalen Wahrheit eines Stücks wende ich mich immer mit besonderer Freude, fast könnte man sagen mit obsessiver Begeisterung zu. Zähle dauernd alles ab und durch und bestimme so, wo was wann kommen soll, wo dann wieder das Gegenteil, die Gegengeschichte, die Fortsetzung von etwas Vorherigem undsoweiter. Im fertigen Stück verschwinden diese Kalkulationen, darf der Bau nicht zu penetrant sichtbar sein, aber wenn man für irgendetwas eine Erklärung sucht, kann man über diese Baubezüge fast immer zusätzlichen Aufschluß über das vom Stück Intendierte gewinnen.

In vielen Ihrer Texte verschwimmen die Grenzen zwischen gelebter Erfahrung und Fiktion. Auch in «Lapidarium» scheint vieles autobiographisch grundiert zu sein, wie die Beziehung zu Michael Rutschky. Wie gestaltet sich für Sie beim Schreiben dieses Spannungsverhältnis zwischen der Nähe zum Erlebten und der Distanz durch Sprache und Struktur andererseits?

Das stimmt, das selbst Erlebte, der Glutkern der eigenen Erfahrung ist das, wovon ich meistens ausgehe beim Schreiben vorallem von Geschichten, Berichten, Romanen, von sogenannter Prosa also. Aber der Text für das Theater ist etwas anderes, Abstrakteres, er bietet dem Autor die Gelegenheit, von sich selbst abzusehen, ein Weltthema zu fokussieren: das war jetzt bei mir in «Reich des Todes» die POLITIK nach 9/11, dann die FAMILIE in «Baracke».
Erst das dritte Stück dieser Trilogie, also «Lapidarium», wendet sich seinem Thema, dem Tod, über das ICH vermittelt zu. An vielen Stellen geht es um den jungen Mann, der ich früher einmal war. Von dieser formtechnisch für mich absurden, eigentlich antitheatralen Grundidee, das Ich ins Zentrum eines Theaterstücks zu stellen, bin ich ausgegangen, habe mich davon in den Text hineintragen lassen, ein autofiktionales Stück geschrieben, in dem das real Erlebte und dazu Gedachte, Reflexion und Theorie, übergehen in Fiktion, Geschichte, Handlung, Plot, in pure Crazyness zum Teil.

Dabei spielt der Text mit dem prinzipiell grenzenlosen Imaginarium der Bühne, die sich alles anverwandeln kann, Prosa, Film, reale Autobiographie und jede Wendung ins Phantastische. Idealerweise würde jeder Satz am Ende beides haben, die Schwere, die aus der wirklich erlebten Erfahrung kommt, und die abstrakte Leichtigkeit der Objektivität durch die sprachliche Erfassung, den Zauber der Kunst.

Der Kosmos von «Lapidarium» ist auch eine Ansammlung von über 250 Personen, darunter viele bereits Verstorbene. Ist das Benennen eine Form der Erinnerung und Geste der Würdigung oder ein Ausdruck der Unmöglichkeit, alles erinnern zu können?

Diese Frage ist die Antwort: natürlich beides, Würdigung der Toten, zugleich die Unmöglichkeit, sie angemessen zu erinnern. Ich spreche vom Tod, über den das Stück nachdenkt, aus der Ersterfahrung der TRAUER heraus, daß Menschen, die gelebt haben und für mich und die Welt wichtig waren, als Künstler, Schriftsteller, Denker, oder auch nur als privat für das Ich relevante Individuen, jetzt nicht mehr leben, nicht mehr da sind, tot sind. Dieser Schmerz hängt an jedem einzelnen der NAMEN derer, die schon zu den Toten zählen.

Wenn ich mir für einen Augenblick vergegenwärtige, daß Niklas Luhmann nicht mehr lebt, nur noch seine alten Schriften da sind, um die Gegenwart und meinen Geist zu erhellen, oder Thomas Bernhard, Julien Green, Fassbinder, Schleef oder Foucault, befällt mich manchmal eine TRAURIGKEIT, die an Agonie grenzt: wie elend ist die Welt, wie sinnlos alles. Aber im Nachdenken darüber, über das Totsein eines konkreten einzelnen Toten, das das innere Profil seines Wesens aufflammen läßt, kann auch eine allgemeine Reflexion auf den Tod entstehen, die zu Verstehen führt, für einen kurzen Moment. Und die Vielzahl der genannten Namen multipliziert diesen Gedanken der Hoffnung auf Erkenntnis, wie sie sich in echt ereignen kann, in den Text hinein.

«Lapidarium» durchzieht das Nachdenken über Abschied, Tod und einer Auseinandersetzung mit Endlichkeit, unter anderem mit dem Aufgreifen des Suizids von Wolfgang Herrndorf. Sie untertiteln den Text zudem mit «Requiem», der katholischen Totenmesse. Wie sehr ist dieser Blick auf das Ende geprägt von einem katholischen Denken, das den Tod nicht nur als Verlust, sondern auch als Übergang versteht?

Das muß ich korrigieren. Der Untertitel des Stücks lautet: «Anthropologie in pragmatischer Absicht», also ein Blick in Richtung Kant, seine wunderbare, teils auch skurrile Erkundung des MENSCHEN, zum Zweck der Belehrung. Erst das Motto bringt den für jedes Buch eigentlich maßgeblichen Satz: «liber scriptus proferetur», ein geschriebenes Buch wird erscheinen, in dem alles enthalten ist, so geht das Zitat weiter, «in quo totum continetur». Es ist ein Zitat aus dem «Requiem» von Mozart, es ist quasi die ultimative Selbstanrufung der Kunst der Schrift, zusätzlich transzendentalisiert durch die Musik, der ultimative Selbstanspruch eines jeden Buches. Die Zusammenziehung von Titel, Untertitel und Motto heißt also als Ansage für «Lapidarium»: Tod, Mensch, Schrift. In der Ausführung rufe ich dabei mit jeder Figur, die ich nenne, mit jedem Namen, eine konkrete Variante der Möglichkeit, Mensch gewesen zu sein, in den Text des Stücks herein. Herrndorf zentral, Rutschky zentral, aber noch wichtiger natürlich wird der Tod von Helmut Dietl und Herbert Achternbusch betrauert, indem den beiden vom Stück ein neues Leben herbeifiktionalisiert und so ihr einstiges Denken und Werk gefeiert wird.

Der zweite Akt des Stücks, «Sterbezimmer», der viel kürzer als der erste ist, aber von der Konstruktion des Baus her dem ganzen ersten Akt gegenüber gleich gewichtet ist, bringt in zweien seiner vier Szenen die konkrete Situation des Sterbens, begleitet das Sterben der Figur Vater mit Sätzen von ihm, mit Beobachtungen, Bildern, zuletzt mit dem Text einer Du-Figur, die beim Sterben dabei ist, am Schluß als das Ich sichtbar wird, das das ganze Stück erzählt hat.

Wie die Katholizität meines Aufwachsens im katholischen Süden, das meine Seele geprägt hat, mein heutiges Denken mitformatiert, halte ich mir selbst in der Klarheit des erkennenden Denkens eher verdeckt. Heiner Müller, Andy Warhol, Siegfried Unseld, Joachim Kaiser, Der Tod ist ein Irrtum, sagt Heiner Müller, nein, sagt «Lapidarium», jeder Name, jeder Tod, jeder Tote ist ein Protest des Lebens gegen die Wahrheit des Todes, ein Aufstand dagegen, eine Unterwerfung, ein tiefstes betrübtes Ja, die finale Akzeptanz des kommenden Todes.

Sie widmen das Stück Franz Xaver Kroetz, Ihrem Münchener Schriftstellerkollegen, den Sie bis zu einem Treffen im Juni 2025 im Residenztheater noch nicht näher kennengelernt hatten. Sie lassen ihn sogar als Figur auftreten. Was bewog Sie zu dieser Entscheidung?

Sympathie, Bewunderung, Freude, was er als Aktivist in der Welt der Kultur, der Bühne, der Bücher auf faszinierende Art darstellt: ein elementarer Aufbruch, ein Werk, ein Trotz gegen Scheitern, das Durchhalten, und eine erschütternde Offenheit dem Privaten, allen Problemen der künstlerischen Existenz gegenüber. Gefühle der Herzlichkeit also, auch der Attraktivität durch Gegensätzlichkeit, das ganze Spektrum möglicher abstrakter Nähe, intensiv.

Außerdem gab es im SZ-Magazin im Corona-Sommer 2020 ein großes Interview mit ihm, von Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell, mit Fotos von Armin Smailovic, das alle meine Sympathien für ihn wieder neu hochschießen ließ, da war ich gerade kurz vor dem Schreiben von «Lapidarium». In der Bildunterschrift zu einer extremen Nahaufnahme seines Gesichts hieß es: «Kroetz sagt, er wünsche sich noch eine richtig gute Rolle - ausnahmsweise einen intelligenten, sensiblen, alten Mann.» Da fühlte ich mich angesprochen, diese Rolle könnte ich ihm vielleicht schreiben, genau das, einen intelligenten, sensiblen, alten Mann könnte ich brauchen für mein Stück über Tod, Jugend und Alter und den Münchner Süden.

Ich kopierte mir das Zitat heraus und schrieb darunter: «Lapidarium - für Franz Xaver Kroetz - vielleicht könnte die Entstehung des Stücktexts davon profitieren, wenn ich mir vorstelle, daß ich das Stück für Franz Xaver Kroetz schreibe». Der Zettel hing während des Schreibens immer an der Wand beim Schreibtisch. Je weiter ich in dem Stück kam, desto stärker wurde die Präsenz der Figur Franz Xaver Kroetz. Deshalb nahm ich dieses Momentum der Stückentstehung, um es auch öffentlich zu machen, mit der Widmung in den Text hinein auf.