Zeit der Wölfe

Lear ist draußen, vor der Tür, aus dem Zentrum verstoßen, also exzentrisch. Das ist nicht zuletzt auch eine grässlich-genaue Bebilderung dessen, was aus dem Menschen nach der kopernikanischen Wende geworden ist, der hier am eigenen Leib erfährt, was es heißt, exzentrisch zu sein. Auch die Natur, die gern als Gegenbild zum korrupten Hof verwendet wurde, ist keine Idylle mehr, kein Flucht- und Trostraum. Sie grausam zu nennen, wäre zu menschlich; sie ist, wie sie ist, ohne mehr symbolisch vereinnahmt werden zu können; gleichgültig und unempfindlich gegenüber der Schutzlosigkeit des Menschen lässt sie ihre Gewalten los. Es passt ins Bild, dass der Verbrecher Edmund diese Natur seine Göttin nennt.
die natur ist meine göttin, an ihr gesetz glaub ich, nicht an sitte und gewohnheit!
Da ist also Lear, ort- und schutzlos, aber er ist nicht allein. Da ist der Narr, der so unvermittelt ins Stück hereingeweht kam, wie er aus ihm wieder verschwindet, da ist der verbannte Kent, der unerkannt seinem Herrn dient – Randfiguren der Gesellschaft auch sie, Exzentriker. Sie stoßen noch auf den Irren Tom – in die Rolle des Wahnsinnigen hat sich der von seinem Bastardbruder verleumdete Edgar geflüchtet, um vielleicht so mit dem Leben davonzukommen. Ein Narr, ein Verbannter, ein Verrückter, das ist also die Gesellschaft Lears, der alles das zusammen ist: eine Solidargemeinschaft der Verelendeten und Entrechteten. Aber was sie reden, macht kaum noch Sinn, die Grenzen des Sagbaren sind längst überschritten: Irrenrede, Narrenrede, in denen manchmal eine Erkenntnis aufblitzt, die so viel gilt wie der Unsinn, der sie wieder auslöscht. Dem Lear, der vorher schon verrückt war, ohne dass er es wusste, dämmert es jetzt langsam, dass er verrückt ist oder werden wird. Dazu kann einem der Satz von Lessing einfallen: »Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.« Durch Wahn und Verzweiflung hindurch, vom Nullpunkt her, scheint sich so etwas herauszubilden, was man Ich oder Klarheit nennen könnte. Aber Lear gibt erst einmal seinen Geist auf und wird davongetragen. Und damit könnte eigentlich sein Trauerspiel zu Ende sein.