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05.10.2026

Zeit der Wölfe

Aber es geht weiter, weil das Entsetzliche weder Anfang noch Ende hat und immer weiter überschritten werden kann, denn, wie Edgar einmal sagt, »Es ist noch nicht das Schlimmste, solang wir sagen können, das ist das Schlimmste.« Da ist der alte Gloster, der Vater der beiden ungleichen Söhne, dem sein Mitleiden mit dem alten Lear zum Verhängnis wird. War der Schmerz bisher Seelenfolter oder die kreatürliche Not in der wütenden Natur, so kommt jetzt an die Reihe, was der Mensch dem Menschen anzutun imstande ist. Gloster wird nicht verbannt, verjagt, kein Prozess wird ihm gemacht, er wird geblendet. Erst wird ihm das eine Auge ausgetreten, dann – Regan sagt: »Eines könnte das and’re höhnen, auch das and’re« – das andere. Was diese Szene demonstriert, ist die Grundlosigkeit des Bösen, seine Autonomisierung und radikale Enttheologisierung, dazu der Lustgewinn, der im Quälen eines anderen Menschen jetzt offenbar entdeckt wird. So sieht also die »schöne neue Welt« an der Epochenschwelle aus: entweder Vertreibung, Ausgrenzung, Wahnsinn, Narretei, klandestine Formen des Überlebens am Rande der Gesellschaft oder das sich selbst setzende, rücksichtslos jede Bindung sprengende Individuum, sofern es über die Macht verfügt, als der Mensch, der sich dem Menschen gegenüber als Wolf versteht und rechtfertigt.
 

EDGAR
wer ist es, der sagen kann:
»das ist der tiefste punkt.«
ich bin jetzt tiefer als ich jemals war.
William Shakespeare, »König Lear«

Das ist noch nicht alles. Cordelia steht noch aus, die Hoffnungsträgerin, die noch so etwas wie eine Wende zum Guten bringen könnte. Das wäre ein erwartbarer Shakespeare’scher Schluss. Aber diese Erwartung und ihre Zerstörung bringt das Stück auf die Höhe seiner traurigsten Momente. Wie aus dem Grab geweckt, findet sich Lear in den Armen derer, die er für eine Selige hält, eine überirdische Erscheinung. Mit diesem tastenden Sich-Wiederfinden könnte das Stück melancholisch enden. Es kommt anders. Was einmal reduziert – und konzentriert – war auf eine schiere Existenz des Menschlichen und Unmenschlichen, tritt wieder ein in den politischen Raum, in dem der Mensch, der unter Todesqualen alles das aufzugeben gelernt hatte, was ihm heilig war, und dadurch wenigstens als Verrückter »bei sich« war, erneut – war alles Leid umsonst? – zum Spielball der Mächtigen wird. Heißt das, dass die Geschichte mit ihren Zuordnungen einen durch alles erlittene Leid hindurch doch immer wieder einholt? Oder heißt es, dass auf der einen Seite die Geschichte steht und auf der anderen das unaussprechliche Leid der verstummten Kreatur, das ins Unausdenkbare weiter- und weitergeht? Die Geschichte stockt, als Lear die ermordete Tochter hereinträgt. Er hat jetzt eine Würde, die aus dem »Nichts« Cordelias kommt. Er ist endlich bei sich – und bei ihr.


Auszug aus: Klaus Reichert: Der fremde Shakespeare. Carl Hanser Verlag, München 1998.

Klaus Reichert geboren 1938 in Fulda, lebt heute in Frankfurt am Main. Studium der Philosophie und verschiedener Sprachen in Marburg, London, Berlin, Gießen und Frankfurt am Main. Seit 1961 Außenlektor für den Insel Verlag (englische, niederländische, jiddische, deutsche Literatur), von 1964 bis 1968 Lektor im Insel Verlag. Mitbegründer des Verlags der Autoren 1969. Promotion 1970 über Lewis Carroll (»Studien zum literarischen Unsinn«). Lehrbeauftragter an den Universitäten Konstanz und Bielefeld. Von 1975 bis 2003 o. Professor für Anglistik/Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt, sowie Direktor des 1993 gegründeten interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit. Gastprofessuren in Italien und in den USA. Von 2002 bis 2011 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.