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05.10.2026
Klaus Reichert

Zeit der Wölfe: König Lear

Klaus Reichert über »König Lear«

König Lear wird nicht verrückt – er ist es von Anfang an. Vor dem Hintergrund der Zeit, zu der die Tragödie entstand, um 1604, einer Zeit, in der die neuzeitlichen Nationalstaaten sich herausbildeten, die Zentralisierung der Staatsgewalt alle Lebensbereiche umorganisierte, kann, wer sein Reich aufteilt, nur verrückt sein.

Lear hat nichts begriffen. Auch davon nicht, wo er sein Leben lang geherrscht hat: dem Hof. Der Hof ist ein Ort der Täuschung, denn nur der kann sich an ihm halten, der es versteht, so selbstverständlich und natürlich zu lügen, dass die Frage nach der Wahrheit sich nicht stellt. Nur weil Lear die Spielregeln offensichtlich nicht kennt – oder in der Einsamkeit der Macht darüber hinweggeherrscht hat –, kann er die absurde Frage nach der Liebe stellen; absurd, weil das Private und Intime aus der Hofberedsamkeit herausfällt und folglich allenfalls Klischees dafür bereitliegen. Er bekommt denn auch die zu erwartenden Antworten von den beiden Töchtern, die auf der Höhe der Zeit sind.

Die Jüngste, Cordelia, kann der Erwartung nur ihr »Nichts« entgegenhalten, ein Nichts, von dem die Tragödie ihren Ausgang nimmt und auf das sie zusteuert. Es ist die Liebe, die sich nicht in Worte fassen lässt, so wie das unermessliche Leid nicht zu sagen ist.

 

Vielleicht will Lear Liebe erzwingen, weil er selber ohne Liebe ist. Vielleicht spürt er dunkel, dass hinter der Fassade, die für ihn mit der Wirklichkeit eins ist, noch etwas sein muss, das sich seinem Zugriff entzieht. Er rührt an etwas, an das er nicht rühren sollte. Vielleicht reagiert er deshalb so unbeherrscht, außer sich, weil sich vor ihm etwas auftut, was er nicht beherrschen kann: Er heischt Liebe, und was sich öffnet, sind die Schleusen, deren ungebändigte Wucht alles in die Abgründe der Menschennatur mit sich fortreißt. Die Kränkung durch das »Nichts« Cordelias muss etwas so tief in ihm Verschlossenes getroffen haben, dass seine Gefühle für sie sich jäh verkehren und ungezügelte Affekte aus ihm herausbrechen: Wut, Hass, Jähzorn. Er nennt sie jetzt die seinem Herzen Fremde, und dieses Wort, »stranger«, trägt noch einen alten Sinn, der all das meint, was draußen ist. Und Lear weiß noch nicht, dass das der Ort – oder vielmehr die Ortlosigkeit – ist, wo er sein wird,
dass der Fluch auf ihn zurückfällt.