Zeit der Wölfe

Zunächst wird erst einmal Cordelia vertrieben und der einzige Getreue, Kent, verbannt, der noch sagen kann, künftig lebe die Freiheit anderswo und wer hierbleibe, sei verbannt. Das zeigt sich dann schon am Ende dieser ersten Szene, als die Erbtöchter sich darüber verständigen, dass der Alte nicht bei Trost sei, es bei seinem Starrsinn und seinen übereilten Handlungen nie gewesen sei und man ihm auf die Finger sehen müsse. Von da an ist sein Schicksal besiegelt.
Undankbare Töchter? Vom Standpunkt der Shakespeare-Zeit aus gesehen handeln sie vernünftig, wenn sie dem Alten seine viel zu vielen Ritter streitig machen, denn die Zeit der großen Häuser ist vorbei, der Gelage bis in den frühen Tag, der Nichtstuerei, die immer auch in eine anarchische Störung der mühsam hergestellten Ordnung ausarten konnte. Aber er, Lear, der alles von sich gegeben hat, Herrschaft, Besitz, nur die Königswürde behalten wollte, die aber der Repräsentation und Zeugenschaft bedarf? In dem Maße, wie ihm seine Ritter genommen werden, wird er auch seiner Würde entkleidet, bis er nichts mehr ist als er selbst. Aber wer ist er, wer kann er denn sein, was ist ihm geblieben, wenn alles, woraus er sich bestimmte, ihm nicht mehr zugehört oder noch genommen wird? Gibt es das denn schon – ein autonomes, ein selbstbestimmtes Ich, jenseits der sozialen Rolle?
Die selbstbestimmten, bindungslosen Individuen, die Shakespeare geschaffen hat, sind allesamt Verbrecher – Richard III., Jago, Goneril, Regan, der schreckliche Bastard Edmund, für den die alte kosmische (und das heißt auch: soziale) Ordnung, in der alles seinen festen Ort und damit verbunden seine Verantwortung nach oben und unten, rechts und links, hat, nichts ist als fauler Zauber, abgelebte Ideologie, die der neue Machtmensch nur noch abzuservieren, wie einen Spuk aufzulösen braucht, weiß er doch, was er will. Und Lear? Der Narr sagt: »Alle deine anderen Titel hast du weggeschenkt, mit diesem bist du geboren.«
Alle deine anderen Titel hast du weggeschenkt, mit diesem bist du geboren.
In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Stadien der Demütigung durchlaufen. Da wird nichts mehr entwickelt, motiviert, begründet, es wird einfach nur noch vorgeführt, wie ein Mensch in allem, was ihn zu einem sozialen Wesen machte, abgebaut werden kann und dass jede Erniedrigung sich noch unterschreiten lässt. Lear rast dagegen an, türmt seine trotzigen Flüche übereinander wie Felsbrocken, aber es ist eine ohnmächtige Wut, deren Wirkung sich vielleicht dadurch erhöht, dass sie wirkungslos bleibt, ins Leere geht und nur Hohn und Spott – schlimmer: Gleichgültigkeit – hervorruft.
Bald ist Lear da, wo Shakespeare ihn eigentlich haben will: draußen, ausgestoßen, ausgesetzt, schutzlos den wütenden Elementen ausgeliefert, am Ende, und es vollzieht sich das wie auf der Streckbank langsam hinausgezögerte Drama des nicht endenden Endens. Keiner vor Beckett hat für die schwärzeste Schwärze vielfältigere Töne gefunden als Shakespeare hier. Nie ist die schiere Leiblichkeit des Menschen, sein nacktes Ausgesetztsein in der Welt, peinigender vor- und zurückbuchstabiert worden. Da wird nicht mehr ein von oben verhängtes Schicksal ertragen, unter dem »der Held« dann zusammenbricht, hier wird nicht mehr metaphysisch gelitten, sondern physisch spürbar, es wird gefroren und gehungert, der Regen peitscht die Glieder nass, und dass da einmal ein Anlass für die Vertreibung war, verliert sich irgendwann aus dem Blick auch der leidenden Kreatur. Zwischen »Schuld« und zu erduldender »Strafe« gibt es kein Maß, keine Proportion, »die Welt ist aus den Fugen«, und da ist keiner, der sie einzurenken auch nur versucht.