06.11.2026
Ulrich Rasche und Yvonne Gebauer

»ES GIBT KEINE AUSSENWELT. ALLES IST FAUST.«

Wie funktioniert die Bühne für das »System Faust«?

Im Zentrum steht ein Korridor, der Nukleus des Bühnengeschehens. Durch die Loslösung der Wände wird der Gang dynamisch: Die Wände drehen, heben und senken sich, leuchten in psychedelischen Farben, entmaterialisieren sich und fügen sich wieder zu einem engführenden Gang zusammen. Raumerfahrung wird psychische Erfahrung – der Raum ist Ausdruck von Fausts fragmentiertem Bewusstsein.
Die Rotation dient der psychischen Desorientierung: Es gibt kein Außen mehr, keinen festen Punkt, keine Flucht. Nur Faust betritt diesen Raum. Dort »gebiert« er die anderen Figuren – sie erscheinen zunächst als Video-Bild im Monitor, dann materialisieren sie sich als physische Körper. Der Korridor wird so zu einem Ort der Manifestation: dem Ort, an dem das Verdrängte Gestalt annimmt und dem Bewusstsein als scheinbar eigenständige Wirklichkeit gegenübertritt. Auch Gretchen entsteht so aus Faust – aber sie ist die einzige Figur, die diese Herkunft später durchbricht und sich aus seinem System löst.
Es gibt vier solcher Geburtsmomente. Zuerst Mephisto, der zynische, verneinende Anteil, der sich abspaltet. Die zweite Geburt bringt den jungen Faust und Gretchen gleichzeitig hervor, als Paar – denn Begehren und begehrtes Objekt sind nicht voneinander zu trennen. Die dritte Geburt ist Valentin – Fausts moralischer Selbsthass, die Schuld, die er nicht bei sich, sondern bei Gretchen sucht. Sie bricht in dem Moment hervor, in dem diese Schuld unerträglich wird. Im Straßenkampf
tötet Faust ihn, von Mephisto dazu verleitet – und danach verschwindet Valentin. Die abgespaltene Schuld lässt sich nicht zum Schweigen bringen, indem man sie umbringt. Die Walpurgisnacht ist keine Geburt mehr, sondern die Eskalation dessen, was bereits angelegt ist.

Die Phiole verbindet diese Geburten und macht die Logik des Abends an einem einzigen Gegenstand sichtbar: Es ist dasselbe Fläschchen vom Anfang – das Gift, das Faust zum Selbstmord ansetzt, zögernd, und nur halb hinunterbringt; die andere Hälfte speit er aus. Später zieht Mephisto genau diese Phiole aus Fausts Jacke und reicht sie ihm erneut, in geringerer Dosis. Dieselbe tödliche Substanz, die ihn umbringen sollte, wird jetzt zum Verjüngungs- und Rauschmittel – bei uns ersetzt dieser Moment die Hexenküche. »Bald Helenen in jedem Weibe«, sagt Mephisto, und Faust sieht fortan in jeder Frau nur noch sein eigenes Begehren. Mich interessiert daran, dass Tod und Verjüngung dieselbe Substanz sind, nur anders dosiert. Der Versuch, dem Leben zu entkommen, und der Versuch, es noch einmal zu intensivieren, sind nicht zwei verschiedene Wege – es ist einer. Beide führen in die Selbstzerstörung. Und bezeichnend ist, dass nicht Faust die Dosis findet, sondern Mephisto sie ihm verabreicht: Der abgespaltene Anteil übernimmt die Kontrolle über den Rausch, der die weiteren Abspaltungen hervorbringt. Die Spaltung treibt die Spaltung an.

Verdrängung, Projektion und Externalisierung erscheinen in deiner Lesart auch als gesellschaftliche Struktur. Wo liegt für dich die politische Dimension des Stoffes?

Verdrängung erzeugt Gewalt. Die Unfähigkeit, Widersprüche in sich selbst zu integrieren, führt zur Externalisierung. Das ist nicht nur eine psychologische, sondern auch eine gesellschaftliche Struktur. Nicht nur Individuen, auch Kollektive sind von Abspaltungen geprägt, von verdrängter Geschichte, ungelösten Konflikten und aggressiven Kompensationsmechanismen. Was man an sich selbst nicht anerkennen kann, wird im Außen gesucht und dort zum Problem erklärt.
Mich interessiert daran die politische Dimension. Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre inneren Widersprüche häufig externalisiert: auf Migrant*innen, auf Minderheiten, auf konstruierte Feindbilder. Was die Faschismusforschung von Adorno bis Theweleit beschrieben hat, ist ja gerade, dass die Gewalt nach außen nicht am Anfang steht. Faust ist kein Faschist – aber er zeigt die psychische Grundbewegung, aus der heraus das Eigene, Unerträgliche zum Feind im Außen gemacht wird. In diesem Sinn ist Faust für mich der Prototyp einer Struktur, die bis in unsere Gegenwart hinein wirksam ist.

Es geht mir nicht darum, dem Publikum eine Botschaft zu vermitteln. Theater ist für mich ein Ort der Erfahrung. Im besten Fall entsteht ein Moment der Irritation, in dem vertraute Gewissheiten unsicher werden. Vielleicht erkennt man etwas von Faust in sich selbst – in den eigenen Sehnsüchten, Kränkungen oder Mechanismen der Verdrängung. Vielleicht erkennt man aber auch etwas über gesellschaftliche Dynamiken, die unsere Gegenwart bestimmen. Wenn das Publikum diese Mechanismen erkennt, dann hat die Inszenierung ihre politische Funktion erfüllt. Nicht weil sie Antworten liefert, sondern weil sie einen Raum öffnet, in dem die Fragen wieder gestellt werden können.