06.11.2026
Ulrich Rasche und Yvonne Gebauer

»ES GIBT KEINE AUSSENWELT. ALLES IST FAUST.«

Regisseur Ulrich Rasche im Gespräch

Yvonne Gebauer: Wie hat die Arbeit an »Faust« begonnen? Gab es eine Frage oder einen Gedanken, von dem aus sich deine Lesart des Stoffes entwickelt hat?

Ulrich Rasche: Am Anfang stand weniger eine fertige Interpretation als die Suche nach einer Konstellation. Sehr früh interessierte mich die Vorstellung von Mephisto als einer Figur des Widerspruchs und der permanenten Infragestellung. Daraus ergaben sich erste Überlegungen zur Besetzung und zu den Beziehungen zwischen den Figuren.
Parallel dazu begann die intensive Beschäftigung mit dem Text. Es waren zunächst weniger die großen metaphysischen Fragen als die psychologischen Strukturen, die ich zu verstehen versuchte: Was geschieht, wenn ein Mensch die Fähigkeit verliert, widersprüchliche Anteile seiner selbst zusammenzuhalten? Aus dieser Perspektive ordnete sich der Stoff neu: Faust war nicht mehr nur ein Gelehrter oder Suchender, sondern eine Figur, die an ihren eigenen Spaltungen leidet. Viele Figuren ließen sich plötzlich als unterschiedliche Kräfte innerhalb desselben Bewusstseins lesen: als Wünsche, Ängste, Projektionen oder verdrängte Anteile. Daraus entwickelte sich der Ausgangspunkt der Inszenierung: Was geschieht mit einem Menschen, der unaufhörlich nach Erweiterung strebt und dabei den Kontakt zu seinen eigenen inneren Anteilen verliert?

Welche Fragen haben dich hauptsächlich beschäftigt?

Mich interessierte das Prinzip der »zwei Seelen in meiner Brust« – allerdings nicht als romantische Metapher, sondern als psychologische Struktur. Bei Goethe ist diese Spaltung zwischen Faust und Mephisto angelegt. Wir treiben sie weiter: Auch die Verjüngung, die bei Goethe an Faust selbst geschieht, spalten wir in zwei Körper auf – den alten und den jungen Faust. Die Figuren erscheinen wie unterschiedliche Anteile einer Persönlichkeit, die nicht mehr zu einem Ganzen finden. Gretchen wiederum lässt sich als die verdrängte Seite des Faust lesen – als die Fähigkeit zu Bindung und Beziehung, die Faust verloren oder zugunsten seines rastlosen Erkenntnisstrebens aufgegeben hat. Ein modernes Verständnis begreift das Subjekt nicht als harmonisches Ganzes, sondern als ein fragiles System, in dem verschiedene, oft gegenläufige Anteile nebeneinanderstehen. Das Pathologische beginnt nicht mit der Vielheit, sondern mit ihrer Leugnung. Fausts Problem ist nicht, dass er gespalten ist, sondern dass er die Spaltung nicht erträgt: Er negiert und verdrängt die Anteile, die ihm widersprechen, und gerade dadurch kehren sie als eigenständige, feindliche Gestalten zurück.

Welche Rolle spielt der Korridor in dieser Figurenkonstellation?

Im Lauf unserer Vorbereitungszeit habe ich mich erneut mit Korridor-Installationen aus der bildenden Kunst beschäftigt, die mit Fragmentierung, Wiederholung und der Aufspaltung des Subjekts arbeiten. Themen, die auch für unsere Lesart des Faust zentral sind. Solche Arbeiten werfen den Körper durch räumliche Isolation und Videoüberwachung auf sich selbst zurück – Selbstbeobachtung wird zur psychischen Konfrontation. Die Versuchsanordnung zwingt das Subjekt dazu, sich dem eigenen Bild und den eigenen inneren Prozessen auszusetzen. Dieses Prinzip der erzwungenen Selbstbegegnung erschien mir eine sehr geeignete räumliche Übersetzung von Fausts Spaltung. Der Korridor wurde für mich zu einem Ort, an dem es kein Ausweichen mehr gibt, zu einem Raum, in dem das Verdrängte zurückkehrt und Faust mit sich selbst konfrontiert wird.