06.11.2026
Ulrich Rasche und Yvonne Gebauer

»ES GIBT KEINE AUSSENWELT. ALLES IST FAUST.«

Was interessiert dich an der Figur des Faust?

Mich hat gereizt, Faust als Figur zu lesen, die an der Entwertung der eigenen Erkenntnisse zerbricht. Die Frage war: Warum verachtet ein Mensch, der sein Leben der Erkenntnis gewidmet hat, plötzlich sein eigenes Wissen? Warum erscheint ihm das, wonach er so lange gestrebt hat, wertlos? Je länger wir uns mit dem Stoff beschäftigt haben, desto weniger schien mir das ein historisches Phänomen zu sein. Vielmehr begegnet uns hier eine Erfahrung, die erstaunlich gegenwärtig ist. Faust hat Wissen, Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung akkumuliert, kann daraus aber keinen Sinn mehr beziehen. Die Dinge, die er erreicht hat, berühren ihn nicht mehr.
Faust leidet nicht daran, zu wenig gesehen oder verstanden zu haben, sondern daran, zu viel gesehen, verstanden und erreicht zu haben. Aus dieser Erfahrung heraus richtet sich seine Sehnsucht nicht mehr auf Erkenntnis, sondern auf Intensität. Die Verjüngung erscheint wie das Versprechen eines unmittelbaren Lebens, das nicht mehr durch Wissen, Reflexion und Selbstbeobachtung vermittelt ist. Doch genau dieses Versprechen erweist sich als Illusion.
Das bildet sich auch in der Sprache Goethes ab, die oft als klassisch, harmonisch oder abgeschlossen wahrgenommen wird. Liest man sie genauer, entdeckt man jedoch eine permanente Bewegung voller Brüche, Widersprüche und abrupter Perspektivwechsel. Für uns wurden die Verse deshalb weniger zu einem literarischen Monument als zum Ausdruck eines Bewusstseins, das unaufhörlich zwischen Größenfantasie und Selbstverachtung, Erkenntnisdrang und Erschöpfung, Sehnsucht und Zerstörung oszilliert. Darin liegt für mich ihre Modernität.

Worin besteht diese Modernität?

Faust ist kein Gelehrter des 18. Jahrhunderts, sondern erscheint als Prototyp eines Menschen, der immer weiter optimiert, immer mehr Erfahrungen sammelt und dennoch keinen Zugang zu sich selbst findet. Die permanente Steigerung ersetzt die Fähigkeit zur Bindung. Aus jedem erreichten Ziel entsteht sofort ein neues Begehren. Goethe bringt diese Struktur in einem Satz von verblüffender Aktualität auf den Punkt: »So tauml ich von Begierde zu Genuss, ⁄ Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.« In unserer Fassung legen wir diesen Satz dem jungen Faust in den Mund – der Figur, die dieses rastlose Begehren verkörpert.
Goethe hat 1825 in einem Brief an Zelter selbst dafür ein Wort gefunden: »veloziferisch« – eine dämonische Beschleunigung, die keine Dauer, keine Reifung und keine Vertiefung mehr zulässt. Die Menschen werden von Ereignissen, Informationen und neuen Reizen fortgerissen und verlieren die Fähigkeit, bei einer Erfahrung zu verweilen.
Was dabei verdrängt werden muss – die Angst vor Leere, das Gefühl des Scheiterns und der Selbsthass –, spaltet sich ab und kehrt als Mephisto zurück, als die zynische, verneinende Instanz, die er psychisch nicht integrieren kann. In unserer Lesart ist Mephisto deshalb nicht einfach der Teufel oder ein äußerer Verführer, sondern ein abgespaltener Teil von Faust selbst. Er spricht das aus, was Faust nicht wissen will und verkörpert jene destruktiven Kräfte, die entstehen, wenn Widersprüche nicht ausgehalten, sondern abgespalten werden.