»ES GIBT KEINE AUSSENWELT. ALLES IST FAUST.«

In deinen Inszenierungen folgt die äußere Bewegung häufig einer inneren. Korrespondiert Fausts rastlose Suchbewegung besonders stark mit deiner Ästhetik?
Die Inszenierung begreift Faust als Bewusstseinsstrom, als psychischen Trip – Faust ist im Rausch, und was wir sehen, ist sein fragmentiertes Innenleben. Diese Rastlosigkeit entspricht meiner Ästhetik der andauernden Bewegung, aber hier anders als in früheren Produktionen mit großen Ensembles. Ich habe keinen Chor, sondern fünf Darsteller*innen, deren individuellen Rhythmus ich in eine gemeinsame Choreografie übersetzen will. Es geht nicht um die Bewegungsrichtung eines Kollektivs, sondern um ein Individuum und seine vier Abspaltungen.
Dass Faust im Rausch ist, ist keine bloße Behauptung, sondern in der Fassung verankert. Schon der Ausgangspunkt ist verändert: Bei Goethe wird der lebensmüde Faust durch den Osterchor vom Gift zurückgehalten – die Welt greift rettend von außen ein. Bei uns gibt es dieses rettende Außen nicht mehr. Faust trinkt tatsächlich und bleibt in einem berauschten Zwischenzustand – weder zurückgeholt ins Leben noch hinüber. Das permanente Kreisen auf der Drehscheibe folgt der inneren Unruhe. Faust befindet sich in einem Zustand permanenter Selbstbeobachtung. Die Bühne wird zum geschlossenen System seines Bewusstseins. Aus Fausts Perspektive gibt es keine Außenwelt mehr – alles, was ihm begegnet, ist nur noch er selbst. Genau das ist seine Krankheit, nicht unsere Behauptung über die Welt. Die Drehbühne ist dabei nicht nur ein räumliches Mittel, sondern ein Bild für die Struktur des Stücks selbst: ein Kreisen. Faust bewegt sich immer wieder durch die gleichen psychischen Konstellationen. In diesem Sinn ist seine Reise keine Entwicklung, sondern eine Wiederholung. Sie führt nicht in die Welt hinaus, sondern immer tiefer in das Labyrinth des eigenen Bewusstseins.

Welche Referenzen stehen für dich im Hintergrund dieser Arbeit – bildnerisch, filmisch oder theoretisch?
David Lynch – dessen Videoästhetik psychische Brüche sichtbar macht: das Rauschen, die Bildstörung, der Blackout als Moment, in dem etwas Verdrängtes hervorbricht. Bei Lynch wird das Medium Video selbst zum Symptom. Mich interessiert die permanente Unsicherheit darüber, was Erinnerung, Projektion, Wunschbild oder Realität ist. Figuren begegnen ihren eigenen Abspaltungen, ohne sie als solche erkennen zu können. Diese Logik hat unsere Faust-Lesart stark beeinflusst.
Eine weitere wichtige Referenz ist Steve McQueens Film »Shame«. Hier interessiert mich vor allem die Kreatürlichkeit des einsamen Körpers vor der anonymen Kulisse der Großstadt: der erfolgreiche Mann in seiner leeren Wohnung, der sich mit Sex betäubt. Zentral ist dort das Scheitern an der Beziehung zu seiner Schwester. Sie bietet ihm eine Form von Bindung an, die ihn aus seiner narzisstischen Isolation herausholen könnte, doch er ist unfähig, sie anzunehmen. Empathie bleibt ihm verschlossen – die Fähigkeit, das andere als anderes überhaupt mitzufühlen – und mehr noch die Agape, die hingebende, nicht begehrende Liebe, die nichts für sich zurückwill. Beides ist ihm unmöglich, weil sein Begehren ausschließlich um das eigene Defizit kreist. Darin erkenne ich eine starke Parallele zu Faust. Gretchen bietet ihm eine Möglichkeit zur Integration, einen Kontakt zum anderen. Doch er kann sie letztlich nur als Projektionsfläche seines Begehrens begreifen, nicht als eigenständiges Subjekt. Auch visuell interessieren mich deshalb Räume der Isolation und der Wiederholung. Die Bilder sollen nicht eine äußere Welt illustrieren, sondern die Landschaft eines Bewusstseins sichtbar machen, das sich immer weiter um sich selbst dreht.