06.11.2026
Ulrich Rasche und Yvonne Gebauer

»ES GIBT KEINE AUSSENWELT. ALLES IST FAUST.«

Wenn man »Faust« heute liest, drängt sich vielen zunächst eine andere Perspektive auf: die Geschichte eines älteren Mannes, der die Zuneigung eines sehr jungen Mädchens gewinnt, sie instrumentalisiert und letztlich zerstört. Wie gehst du damit um?

Man kann den Text heute nicht lesen, ohne diese Gewaltverhältnisse wahrzunehmen. Man darf sie nicht relativieren: Zwischen Faust und Gretchen besteht ein enormes Machtgefälle – sozial, intellektuell, biografisch und nicht zuletzt durch die patriarchale Ordnung, in der sich diese Begegnung vollzieht. Die Folgen dieser Begegnung trägt am Ende nicht Faust, sondern Gretchen.
Die MeToo-Debatte hat den Blick auf Machtverhältnisse verändert. Sie hat sichtbar gemacht, wie Frauen in kulturellen Erzählungen weniger als eigenständige Subjekte erscheinen denn als Projektionsflächen männlicher Wünsche. Goethe selbst hat bereits etwas von dieser Gewalt sichtbar gemacht: Faust interessiert sich nicht für Gretchen als Person, sondern für das, was sie für ihn verkörpert. Sie soll ihm etwas zurückgeben, das er verloren zu haben glaubt: Jugend, Unmittelbarkeit und die Fähigkeit zur Bindung.
Faust sucht in ihr die Heilung eines Mangels, den er in sich trägt. Gerade darin liegt für mich die eigentliche Gewalt. Die Frage ist: Bin ich überhaupt in der Lage, dem Anderen als Anderem zu begegnen? Oder benutze ich den Anderen, um etwas in mir selbst zu reparieren? Faust kann das nicht. Er sieht nicht Gretchen, sondern sein eigenes Begehren. Er löscht sie gewissermaßen aus. Und genau deshalb zerstört er das, was er zu lieben glaubt.
Hier liegt der heikelste Punkt unseres Konzepts, der mir sehr bewusst ist: Wenn alle Figuren Abspaltungen Fausts sind, läuft man Gefahr, Gretchen ein zweites Mal auszulöschen – sie nun auch als Theaterfigur zu einem bloßen Teil des Mannes zu machen. Das wäre fatal. Deshalb ist für uns entscheidend, dass Gretchen als Fausts Projektion beginnt – sie trägt zu Anfang seinen Code, seinen Anzug –, sich aber im Lauf des Abends daraus löst. Sie bekommt einen eigenen Körper, eine eigene Sprache, ein eigenes Ende. Die Auslöschung, die wir zeigen, ist Fausts Tat, nicht unsere These. Der Abend behauptet nicht »alles ist Faust« – er zeigt einen Mann, der das glaubt, und führt vor, was dieser Glaube anrichtet. Dass am Ende Gretchen übrig bleibt und nicht Faust, ist die Korrektur, die die Inszenierung an ihrem eigenen Ausgangspunkt vornimmt.

Was bedeutet Gretchen innerhalb deiner Lesart – und woher kommt es, dass gerade sie Widersprüche aushalten kann, an denen Faust zerbricht?

Gretchen ist nicht nur das Opfer Fausts. Sie verkörpert den Anteil in ihm, der zu Beziehung, Vertrauen und wirklicher Begegnung fähig ist. Während Faust die Welt erfahren, erkennen und überschreiten will, sucht Gretchen das konkrete Gegenüber. Der Anteil des Selbst, der dem rastlosen Streben widerspricht, wird nicht integriert, sondern abgespalten und nach außen verlagert. Ihre Zerstörung ist deshalb nicht nur die Zerstörung eines Menschen, sondern auch die Vernichtung einer Möglichkeit seines eigenen Daseins.
Dabei geht es nicht darum, dass Gretchen keine Widersprüche hätte. Sie hat sie genauso – Begehren und Scham, Glaube und Zweifel, Sehnsucht und Schuld. In der Religionsszene glaubt sie und zweifelt zugleich; beim Schmuck begehrt sie und weiß zur selben Zeit, dass etwas daran nicht stimmt. Der Unterschied zu Faust ist nicht, dass sie reiner oder einfacher wäre. Der Unterschied ist, dass sie diese Gegensätze nebeneinanderstehen lassen kann, ohne einen davon abzuspalten.

Für mich ist der Kern der Lesart, dass Gretchen nichts werden will. Fausts Unfähigkeit kommt aus seinem Steigerungszwang. Er muss immer mehr werden – und in dieser Logik ist jeder Widerspruch eine Bedrohung des Projekts, das er aus sich selbst macht. Gretchen steht außerhalb dieser Logik. Sie lebt im Konkreten – in der Sorge, in der Bindung, in der Arbeit. In diesem Sinn sind ihre psychische Gesundheit und ihre Verweigerung der Optimierungslogik dieselbe Sache, von zwei Seiten gesehen. Das bildet sich bis ins Kostüm ab: Sie ist die Einzige, die den Anzug ablegen kann.
Aber – und das ist mir wichtig, damit daraus kein Klischee wird, nicht die bodenständige Frau, die den überdrehten Mann heilen soll – Gretchen bleibt nicht integriert. Sie zerbricht am Ende doch. Nicht an einem inneren Defekt, sondern an dem, was von außen auf sie einstürzt: die Schwangerschaft, der Fluch des Bruders, der Tod des Kindes, die soziale Vernichtung. Noch im Dom ist sie ganz bei sich – sie spricht sich selbst an, hält ihr unschuldiges Früher und ihr schuldiges Jetzt in einem Bewusstsein zusammen und erträgt diesen Schmerz als ihren eigenen. Das ist keine Spaltung, das ist ein Mensch, der sich zu sich selbst verhält. Erst im Kerker zerbricht das: Das Kindslied, die Mutter, die sie auf dem Stein sitzen sieht – da hält sie die Widersprüche nicht mehr aus. Faust tut sich seine Zerstörung selbst an. Gretchen wird sie angetan. Beide enden fragmentiert, aber das eine ist Pathologie, das andere ist Gewalt. Genau da treffen sich die psychologische und die politische Ebene der Arbeit.